Idee

Der Titel Acta Francorum stammt ganz unverkennlich aus der Theatersprache, was damit zu tun hat, dass ein Theaterstück ausschlaggebend für die Entscheidung war, dieses Blog- und Buchprojekt zu schreiben. Die Idee konkretisierte sich während des Verfassens eines Blog-Beitrags über das Theaterstück Der Faschingsmuffel, das ich am 02. 02. 2020 in meinem Herkunftsdorf Friesenhausen besucht habe.

Während des Schreibens über eine echte Theaterbühne und ihr Umfeld stellte ich fest, dass der fiktive Text des Theaterstücks zahlreiche Möglichkeiten eröffnet, Verbindungen zur Welt außerhalb der Bühne herzustellen: auch die nicht-fiktionale Wirklichkeit, Erinnerungen und Entwicklungen können über Figuren, Rollen und Stories beschrieben werden. Ich erläutere diesen Ansatz etwas ausführlicher in der Einleitung.1Der Ansatz, über die soziale Welt figurativ zu schreiben, ist in der Soziologie als Figurationsanalyse bekannt und wurde hauptsächlich von Norbert Elias geprägt. Ich habe mit diesem Ansatz in meiner Dissertation gearbeitet, wo ich eine sogenannte kommunikative Figuration zwischen Bosnien und der Türkei erfasst habe. Vgl. Elias, Norbert (2014): Was ist Soziologie? Bad Langensalza: Beltz Juventa sowie Ders. (1997): Über den Prozeß der Zivilisation: Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen (Band 1 und 2). Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Als Historiker, der seit genau zwanzig Jahren nicht mehr in Franken gewohnt hat, hatte ich mich bisher immer mit Südosteuropa und Anatolien beschäftigt: doch das hieß ja keinesfalls, dass ich keine Personal Essays über Franken schreiben könnte, wohin ich regelmäßig fahre und wo ich mich in den letzten Jahren oft auch für längere Zeit aufhalte. Wer in den Acta Francorum aber eine allumfassende Geschichte Frankens sucht, wird enttäuscht sein: es geht um eine Selektion persönlich gewichteter Themen, die meistens in Erinnerungen wurzeln und dadurch geschichtliche Bezüge herstellen. Ich nutze die Möglichkeit des Rückblicks auf einen längeren Zeitraum bis in die 1980er Jahre — aber auch die Effekte der Entfremdung, der (Rück-)Reise und Reiseeindrücke. Darüber beschreibe ich Entwicklungen und Tendenzen — z.B. die Energiewende, die Rolle der Religion, das Ansehen des ländlichen Raums in den öffentlichen Meinungen etc. — als längere Prozesse, welche die gesamte Gesellschaft (auch global) betreffen. Diese spiegle ich aber stets am lokalen, konkreten Beispiel des ländlichen (Unter-)Frankens: so lässt sich der Klimawandel als globales Phänomen am lokalen Zustand des Waldes sehr greifbar feststellen. Dazu trianguliere ich verschiedene Bezugsquellen und Genres zu einem hybriden, essayistischen Stil, wodurch der Ansatz auch experimentell ist. Durch die Verbindung des traditionellen Formats des Buchdrucks mit der zeitgenössischen Möglichkeit eines Blogs hoffe ich außerdem, eine weitere Öffentlichkeit zu erreichen (mehr zum hybriden Ansatz unter Umsetzung).

Im Laufe des Schreibens hat sich eine zyklische Struktur der Essaysammlung herausgeschält. Den Zyklus bildet der Ablauf des Jahres und der Jahreszeiten, weshalb es ein Winter-, Frühlings-, Sommer- und Herbstkapitel gibt. Jede Saison beinhaltet drei Unterkapitel. In ihnen sind die einzelnen Stories angesiedelt.

Winter

Der Zyklus beginnt mit dem Winter, denn nur der Januar ist zweigesichtig — wie schon sein römischer Namensgott Ianus und seine sprichwörtliche Janusköpfigkeit: er beginnt im Zwischen-den-Jahren, trägt Merkmale des Alten und des Neuen und ist damit uneindeutig.2Wie auf der Seite hyperkulturell: Portal für interkulturelle Kommunikation unter Rückgriff auf den von Walter Lippmann 1922 in Public Opinion eingeführten Begriff der Stereotype ausgeführt wird, sind alle Metaphern, die stereotypisch sind, janusköpfig, nämlich zwei- oder mehrdeutig. Im Winter wurde außerdem die Idee zu diesem Projekt geboren, zwei Tage nach meinem eigenen (vierzigsten) Geburtstag. Die Winterkapitel beginnen mit der völligen Schnee- und Frostlosigkeit des Winters 2019/2020, als allerhöchstens Epidemiologen mit Insiderwissen bereits klare Vorstellungen davon haben konnten, was für eine einzigartige (pandemische) Wende in nur wenigen Tagen auf uns alle zukommen würde. Weder ich noch die Fahrenden Gaukler und ihre zahlreichen Zuschauerinnen aus dem zweiten Unterkapitel konnten während der randvoll ausverkauften Februarvorstellungen wissen, dass es in der nächsten Faschingszeit keine Theatersaison geben würde. Viele Wenden geschehen scheinbar unerwartet und plötzlich, auch wenn sie sich im Nachhinein als ganz „normal“ darstellen: so auch die Öffnung der (fast) hermetischen Grenzen des alten Zonenrandbezirks. Dies wirkt sich auf die Entwicklung des ländlichen Raums bis heute erheblich aus. Darum geht es im letzten der drei Winterkapitel.

Frühling

Der Winter war noch gar nicht zu Ende — und schon wurde unsere gesamte Zeit zu einer plötzlichen Epoche namens Corona, zu deutsch: die Krone.3Corona ist aber auch der Name einer frühchristlichen Märtyrerin aus Ägypten oder Syrien, Schutzpatronin des Geldes, der Metzger und der Schatzgräber. Corona zerriss den Zeitlauf jäh. Alle Urlaubspläne, Transkontinentalflugrouten und Zusammenkünfte waren dahin — denn Corona herrschte von den Hauswänden herab: Stay the fuck home. Im ersten Lockdown der Covid19-Pandemie fuhr ich durch gleißenden Sonnenschein in einem leeren ICE nach Franken, diesmal zu meiner Schwester und meinem Neffen in die Rhön. Dort zog es mich täglich für mehrere Stunden mit dem Mini-Hund in die Wälder, wo ich auf alte Bekannte stieß: die Schlüsselblumen. Ausgehend von der Schlüsselblumenwiese meiner Kindheit schreibe ich im ersten Frühlingskapitel über die erste selbst erlebte Katastrophe — Tschernobyl –, aber auch über Flucht- und Migrationsgeschichten damals, später, und heute. Diese Geschichten erklären auch, wie zwei Fränkinnen über verschlungene Wege plötzlich sofort bei Ankunft in häusliche Quarantäne in Bosnien geraten sind. Im zweiten Frühlingskapitel bricht sich ein äußerst merkwürdiges Osterfest bei sommerlichen Temperaturen Bahn. Zu dieser Gelegenheit fuhr ich an den (fast) völlig menschenleeren Kreuzberg, über dessen spirituelle Ausstrahlung und bergeigenes Storytelling ich schreibe. Im dritten Frühlingskapitel — die Eisheiligen und der erste und letzte Tieflandfrost des Winters liegen hinter uns — vertiefe ich die Betrachtungen einiger spiritueller Traditionen sowie die Veränderungen auf dem Feld der Religionen und Konfessionen im Francorum und anderswo.

Sommer

Der Sommer ist die Zeit des Urlaubs — doch im Corona-Sommer 2020 ist alles anders: viele Menschen wenden sich jetzt den Erholungsmöglichkeiten vor der eigenen Haustür zu. Im ersten Sommerkapitel geht es deshalb auch um die Beobachtung, dass der ländliche Raum zunehmend aufgewertet und geschützt wird — während gleichzeitig sogar die Insekten und Bienen drohen, aus ihm zu verschwinden. Im zweiten Sommerkapitel zelebriere ich ein ziemlich schwierig zuzubereitendes Soul Food namens Pita bzw. Burek, das meine Mutter nach Franken gebracht hat. Bei der Gelegenheit gehe ich noch einmal der Geschichte eines zerfledderten Doppel-Kochbuchs mit dem Titel Mein Lieblingsrezept der Friesenhäuser Frauen nach, das eventuell eine Neuauflage gut vertrüge (diesmal mit Pita bzw. Burek). Im dritten Sommerkapitel vertiefe ich, direkt daran anschließend, die Frage, was zwischen Blasmusik, Nirvana und Sauerbraten alles unter einheimischer Kultur verstanden werden kann und wie veränderlich Kultur ist. Ich frage, wie Corona, soziale Medien und die Klimakatastrophe in der Lage sind, unser Verhältnis zu Essen zu beeinflussen. Was ist davon zu halten, dass im Dorf Friesenhausen ein riesengroßer Schweinestall endlich geschlossen wurde, dass immer mehr Landwirte auf Bio umstellen?

Herbst

Bereits im Sommer 2017, den ich in Franken verbracht habe — angeblich, um meine Dissertation abzuschließen — wurde mir klar, wie sehr wir die Landschaft verändert haben: es wächst jetzt sogar in höheren Lagen Mais, der unseren Energiebedarf stillen soll. Das Kernkraftwerk Grafenrheinfeld ist inzwischen eher Kulisse, und im Herbst 2020 liegen die trockensten Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen hinter uns. Im Francorum hat das bewirkt, dass inzwischen riesige Holzstapel in sogenannte Holzquarantäne geraten sind. Diese landschaftlichen, naturräumlichen und technologischen Veränderungen beobachte ich unter anderem bei einer Reise per Flixbus sowie auf einer frühherbstlichen Radtour nach Schweiferd. Im zweiten Herbstkapitel nehme ich zuerst die Spur einer Haßfurter Lokalhistorikerin auf und erkunde das fränkische Landjudentum in Kleinsteinach und Burgpreppach, wo ich außerdem ein ganz erstaunliches Privatarchiv einer weiteren Lokalhistorikerin besuchen darf. Im letzten Herbstkapitel beginne ich zu fasten und nehme 49 Tage lang kein festes Essen mehr zu mir. Dabei reflektiere ich über die alte Fastenzeit des Advents, der heute zu einem wochenlangen Konsumrauch des Überflusses geworden ist, den ich als großen kapitalistischen Potlatsch bezeichne. Damit schließt sich der Jahreszyklus in der Zeit zwischen den Jahren. Du musst fort von hier, säuselt mein Gewissen: meine Berliner Wohnung und so einige Pflichten warten auf mich.