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Auf-Arbeitung von Geschichte und die Verdienste der Cordula Kappner: Landjudentum in Franken (I)

Wer in (Unter-)Franken etwas über das Landjudentum erfahren will, wird schnell in der Fachliteratur und auch vor Ort fündig. Dies ist auch kein Wunder, denn Franken blickt auf eine (laut der zurate gezogenen Sekundärliteratur) fast tausendjährige jüdische Geschichte zurück. Bis zum Holocaust stellte das Landjudentum Frankens, zusammen mit einigen anderen Gegenden Süddeutschlands, außerdem eine beachtliche Ausnahme dar: während das Judentum auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands aus historischen und rechtlichen (sprich: diskriminatorischen) Gründen hauptsächlich auf die Städte konzentriert war, waren in Franken neben Städten (besonders Fürth) auch sehr viele Dörfer jüdisch geprägt. Die Mainpost schreibt 2013 dazu:

In keiner anderen Region Bayerns lebten so viele Juden wie in Franken, das über 200 jüdische Gemeinden besaß. Neben dem städtischen Judentum in Nürnberg, Fürth, Bamberg und Würzburg bildete sich auf dem flachen Land ein ganz eigenständiges Landjudentum, heißt es dazu in der Ankündigung für den Vortrag.

Mainpost vom 27.10.2013

Über die historischen Hintergründe — nämlich unter anderem das Vorhandensein eines mächtigen, reichsunmittelbaren und oft uralten Landadels, in dessen Hände sich zunehmend das sogenannte „Judenregal“ befand (neben den bischöflichen/kirchlichen Autoritäten in katholischen Gebieten), kann es in diesem Beitrag leider nicht in aller Ausführlichkeit gehen; es sei aber noch darauf hingewiesen, dass die Lebensverhältnisse für Juden in Franken deswegen keineswegs besonders einfach waren. Denn sie fanden zwar „Schutz“ — man sprach auch von „Schutzjuden“ — und eine Existenzgrundlage; doch wie die Mainpost im selben Artikel wie oben zitiert schreibt, war

[i]hre wirtschaftliche Lage […] außerdem bis auf wenige Ausnahmen über Jahrhunderte hinweg von größter Armut gezeichnet. Als Hausierer, Viehhändler und Schmuser versuchten sie ihren Lebensunterhalt mehr schlecht als recht zu verdienen.

Mainpost vom 27.10.2013

Mit dem Aufkommen der antifranzösischen (anti-napoleonischen) Strömungen, der Judenemanzipation und dem sich Herausbilden des deutschen Nationalismus zeichnete sich ab der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts jedoch — im Nachhinein betrachtet — die finsterste Zeit für die Juden in Franken bereits allmählich ab: ausgerechnet in Würzburg, der Hauptstadt des heutigen Regierungsbezirks Unterfanken, brachen im Jahr 1819 die sogenannten Hep-Hep-Krawalle aus, die sich auf alle Gebiete des Deutschen Bundes sowie angrenzende Gebiete (zum Beispiel auch nach Polen) ausbreiteten und in ihrem Kern antijüdische Pogrome waren. Diese werden in der Historiographie als einer der Kipp-Momente betrachtet, in denen der traditionelle, religiös begründete Antijudaismus in den modernen Antisemitismus überging — wie ich auch im Heine-Projekt an anderem Beispiel genauer beschrieben habe.

Das ländliche Unterfranken ist beispielhaft für das oben genannte, „ganz eigenständige Landjudentum„, und so finden sich in Unterfranken teils bis auf den heutigen Tag Synagogen, Mikwen, Tahara-Häuser, Friedhöfe, Denkmäler, Mahnmale, Straßennamen oder andere Hinweise auf jüdisches Leben. Das betrifft auch mein Herkunftsdorf Friesenhausen (Aidhausen), wo es jedoch (meines Wissens) seit Ende des 19. Jahrhunderts keine jüdischen Einwohner mehr gegeben hat. Noch in jüngerer Vergangenheit sah der Denkmalschutz vor, dass eine längst nicht mehr genutzte Mikwe (ein rituelles Bad), die sich aus der Teilumleitung eines Bachlaufs speiste, trotz Umbaumaßnahmen des sie umbauenden Gebäudes erhalten werden musste — woran Frau Kappner, von der noch ausführlich die Rede sein wird, nicht unbeteiligt war. Seit der Einführung der Straßennamen, die in dem Dorf bis in die 1980er Jahre gar nicht existierten, erinnert schließlich auch der Synagogenweg an das ehemalige jüdische Leben in Friesenhausen.

Sind diese und vergleichbare Erhaltungs- und Sichtbarmachungsmaßnahmen gleichbedeutend mit der viel zitierten „Vergangenheitsbewältigung“ und/oder „Aufarbeitung der Geschichte„? — Dies ist keine einfach zu beantwortende Frage: wenn in einem deutsch-jüdischen Kontext von Vergangenheitsbewältigung oder von Aufarbeitung der Geschichte die Rede ist, können ganz unterschiedliche Dinge gemeint sein. In der Tat handelt es sich bei beiden Begriffen um zwei völlig verschiedene Vorstellungen, die nicht in einen Topf geworfen werden sollten. Ich werde den Begriff der Aufarbeitung kurz näher umreißen, um anschließend einige Beispiele für das Auf-Arbeiten — eine sehr deutsche Metapher, die ich hier bewusst „aufsprenge“ — zu präsentieren.

Dieses Auf-Arbeiten besteht zum einen aus dem unermüdlichen Einsatz der vor drei Jahren verstorbenen, Haßfurter Lokalhistorikerin Cordula Kappner, und zum zweiten aus Bildern der Sichtbarmachung der jüdischen Geschichte im unterfränkischen Dorf Kleinsteinach, an welcher wiederum Frau Kappner stark beteiligt war. Ganz am Ende werde ich die Grenzen des aufarbeiten Könnens diskutieren, sowie auf den sehr viel schwierigeren Begriff der Vergangenheitsbewältigung zurückkommen, den ich in einem Zusammenhang, der nicht aus Opferperspektive beschrieben wird, für unpassend halte.

Der Begriff der Aufarbeitung

Aufarbeitung kann bedeuten, dass sich die LehrerInnen der Schulen über die Wegbereiter, Hintergründe, Verbrechen und Folgen des Nationalsozialismus nicht ausschweigen — sondern, dass diese grausame Zeit integraler Bestandteil nicht nur des Geschichts-, sondern auch des Deutschunterrichts, der Sozialkunde, der Wirtschaft, der sozialkundlichen und naturwissenschaftlichen Fächer ist.

Man mag einwenden, dass die Aufarbeitung der Geschichte in Deutschland auch unausweichlich war, ja: dass sie den Deutschen von den Alliierten regelrecht aufgezwungen worden sei. Von da wäre es auch nicht weit her zu sagen, dass einem besiegten Land, das fortan besetzt und bis in die 1990er Jahre unter dem starken Einfluss der ehemaligen Besatzungsmächte geblieben war, die Aufarbeitung auch gar nicht selbst anzurechnen sei. Zum einen liegt darin durchaus eine Portion Wahrheit, wenn man zum Beispiel an die dokumentierten Bilder deutscher EinwohnerInnen von Dachau denkt, die direkt nach dem Krieg von amerikanischen GIs gezwungen wurden, sich mit dem Grauen des KZs in ihrer Nachbarschaft zu konfrontieren — noch bevor die unmittelbaren Spuren beseitigt und der Ort des Geschehens musealisiert werden konnte.

Dennoch ist dies nur ein Aspekt, der den Begriff der Auf-Arbeitung mitnichten abdeckt: es ist ein bis ins Detail erforschtes, immer wieder besprochenes Thema, ja ein regelrechter Gemeinplatz, dass die „Denazifizierung“ der deutschen Bevölkerung „von außen“ in keinem weitreichenden Maß geschehen oder gar als „gelungen“ zu bezeichnen wäre; die Situation unterschied sich dabei außerdem noch erheblich je nach Besatzungszone und -Macht voneinander. Außerdem folgten auf den Krieg zwei Jahrzehnte, in denen die Nazi-Zeit und ihre Verbrechen weitestgehend mit Schweigen belegt waren. Das haben mir Verwandte und Bekannte, die in dieser Zeit zur Schule gegangen sind, immer wieder berichtet: etwas entscheidend geändert hat sich erst gegen Ende der 1960er Jahre.

Ent- oder Denazifizierung von außen hat nur sehr entfernt mit schulischer Auf-Arbeitung zu tun, welche ich hier noch etwas vertiefen will, bevor ich zu jener Form der Auf-Arbeitung komme, die in praktischer Gedenkstättenarbeit und Dokumentation besteht, wie sie Frau Kappner, aber auch andere Menschen aus dem Dorf Kleinsteinach sowie seinem weiteren regionalen wie internationalen Umfeld — und übrigens unbedingt in Zusammenarbeit mit Überlebenden, direkten wie indirekten Opfern und ihren Nachkommen — betrieben haben.

Die Art der Auf-Arbeitung, welche über die Vermittlung schulischer Bildung in Form von Unterrichtsinhalten, Projekttagen, Exkursionen in Nazi-KZs, Referaten, Begegnungen mit ZeitzeugInnen und Überlebenden sowie anderen Tätigkeiten erfolgen kann, entwächst nämlich sogar einer Notwendigkeit: zumindest dann, wenn diese Bildung zum Denken und Verstehen befähigen soll; dann nämlich, wenn unter Bildung nicht eine unvollständige, bloß frontale Pseudo-Bildung der Datenvereinleibung verstanden wird, die etwa daraus bestünde, unbequeme, unliebsame, unschöne Aspekte wegzulassen — gleichzeitig aber trotzdem Spitzenleistungen in Mathematik, Informatik oder Chemie zu fördern: Fächern, die zu unrecht als „frei“ von Ideologie gelten. Dass diese Lesart von „Bildung“ durchaus ein gangbarer Weg ist, davon kann man sich im Gespräch mit Menschen überzeugen, die sich mit einem diktatorischen, der Freiheit des Geistes abgewandten Bildungssystem schlagen mussten.

Wer mich aus meiner bayerischen Schulzeit kennt, weiß, dass ich viel an diesem Schulsystem auszusetzen hatte. Ich stehe im Großen und Ganzen noch heute hinter meiner Kritik, und letztere hatte meistens mit Freiheit und mit sozialer Ungleichbehandlung zu tun. Doch nicht nur durch meinen Leistungskurs Geschichte der Kollegstufe, von dem ich heute noch profitiere, kann ich mit Bestimmtheit sagen, dass die Themen der Naziherrschaft und des Holocausts permanent anwesend waren. Dies gründet auf einem wie auch immer kritisierbaren, nicht „perfekten“ Grundkonsens darüber, was Bildung zu sein hat, woraus also die Inhalte der Bildung zu bestehen haben.

Will ein Schulsystem in Deutschland (und es gibt ihrer viele), das es sich zum Ziel setzt, den SchülerInnen deutsche Literatur zu vermitteln, kohärent und funktional sein, dann kann der Nationalsozialismus gar nicht ausgespart werden. Denn wie sollten SchülerInnen auch verstehen können, dass es nach dem Krieg zu einer literarischen Strömung namens Kahlschlag oder Trümmerliteratur gekommen ist, da doch die Sprache Teil des Verbrechens geworden waren, ohne das Verbrechen an sich zu benennen und zu verstehen? Wie wäre eine deutsche Literaturgeschichte zu schreiben — deutsche Literatur hier in erster Linie verstanden als deutschsprachige Literatur — ohne deutsch-jüdische SchriftstellerInnen wie Paul Celan, Rose Ausländer, Heinrich Heine, Lion Feuchtwanger oder andere zu integrieren? — Ich erinnere mich noch sehr gut an einen Projekttag zum Nationalsozialismus im lokalen Kontext, da Paul Celans Todesfuge musikalisch besonders grausam und markerschütternd inszeniert wurde: ein bleibender Eindruck.

Doch die fast zwangsläufige Auf-Arbeitung des Nationalsozialismus betrifft nicht nur das Schulfach Deutsch, und sie endet natürlich nicht mit dem Schulabschluss. Denn wie wäre es etwa einem Physikstudenten zu erklären, dass Albert Einstein als Deutscher geboren, aber als Schweizer und Amerikaner gestorben ist? Völlig unmöglich. All diese Fragen setzen sich über den Prozess der Bildung fort, die Aufarbeitung setzt sich also als Prozess fort — etwa über die Etappe, dass die Freie Universität Berlin erst sehr, sehr spät Lise Meitner, eine deutsche Jüdin und Mitentdeckerin der Kernspaltung, offiziell über die namentliche Bezeichnung eines ihrer Gebäude gewürdigt hat. Wer nicht die vorangegangene Unterlassung in den Mittelpunkt stellt, sondern die späte Würdigung der Lise Meitner, kann dies durchaus als gutes Beispiel des Auf-Arbeitens würdigen: es zeigt, dass Auf-Arbeitung ein fortwährender Prozess ist — und nichts je ganz abgeschlossenes, wie vielleicht die Metapher der „Bewältigung“ vermitteln könnte.

Cordula Kappner: der Beweis dafür, dass Lokalhistorikerinnen Aktivistinnen sein können

Wer sich etwas eingehender mit den Details des jüdischen Lebens auf den unterfränkischen Dörfern beschäftigen will, wird auf jeden Fall schnell auf den Namen Cordula Kappner stoßen. Sie ist leider 2017 verstorben, weshalb ich sie nicht mehr, wie schon vor Jahren geplant, persönlich treffen konnte. Noch 2016 — da befand ich mich gerade zu zehnmonatigen Feldstudien für meine Dissertation in Sarajevo — hätte ich sie auf der 1200-Jahr-Feier meines Dorfes treffen können, wo sie meiner Schwester begegnet ist. Ich hätte sie sehr gerne getroffen, denn uns verbindet so einiges, trotz des Altersunterschieds.

Zunächst wäre da das BIZ zu nennen. So wie meine ehemalige Schule mit dem Bibliotheks- und Informationszentrums (BIZ) Haßfurt räumlich verwachsen war — für uns SchülerInnen ein großer Vorteil und ein Privileg im Vergleich zu anderen Schulen — so ist das BIZ verwachsen mit dem Namen Cordula Kappner: sie hatte es mit aufgebaut, und sie war meine gesamte Gymnasialzeit hindurch die prägende, sehr präsente Bibliothekarin des BIZ. Fast jede Freistunde, viele Nachmittage und ganz besonders die Freitagnachmittage bei den Schülerzeitungssitzungen des legendären Monokels habe ich dort verbracht. Es war unmöglich, ihr nicht ständig zu begegnen, und Frau Kappner war gesprächig.

Besonders durch Frau Kappners Wirken als Forscherin und Archivarin hat das BIZ sich den Beinamen „Informationszentrum“ mehr als verdient: oft war die unermüdliche Bibliothekarin dabei zu beobachten, wie sie einen Zeitungsartikel ausschnitt, beschriftete und in einem Hängeorder ablegte, der Teil einer ganzen Hängeordnerlandschaft war, die schätzungsweise einen der Kernbereiche des heutigen Privatarchivs Kappner ausmacht.

Oft sprach sie uns Schülerinnen bei unseren freitäglichen Schülerzeitungssitzungen Einladungen zu Lesungen von ZeitzeugInnen aus. Sie setzte sich übrigens nicht „nur“ für die jüdische Vergangenheit Unterfrankens und ihre Auf-Arbeitung ein: in meinem Berliner Buchregal steht zum Beispiel bis heute ein Buch des kurdischen Autoren Nazif Telek („Ihr Lieben in Bitlis“), das ich nach einer Lesung desselben Autors im Haßfurter BIZ erworben habe, der mich besonders beeindruckt hatte. Da sie oft in Israel war, wo sie zum Beispiel Nachfahren und Überlebende ausfindig machte, traf sie dort ebenso Palästinenser, und sie sprach mit Sorge vom palästinensisch-jüdischen Konflikt. Weil in den 1990ern Krieg im ehemaligen Jugoslawien herrschte, was mich sehr beschäftigte, habe ich mich auch darüber mit ihr unterhalten. Ich glaube, sie war neben meinem Vater damals die einzige Person, die davon sprach, dass auch auf kroatischer Seite Verbrechen begangen wurden. Ganz sicher habe ich von ihr erfahren, dass die kroatische Ustaša im Zweiten Weltkrieg eine verbrecherische Organisation war, die sich aktiv und sogar vorauseilend am Holocaust beteiligte.

Oder aber sie war dabei, eine Ausstellungsstellwand mit Informationen über jüdische Friedhöfe und andere Kulturobjekte der Gegend zu spicken. Man konnte im wahrsten Sinne des Wortes dabei zusehen, wie ein Archiv dabei war, zu entstehen: das Privatarchiv Kappner, welches ich hoffentlich bald besuchen werde und worüber ich plane, einen eigenen Beitrag zu schreiben. Es hat mich wirklich alles andere als überrascht, den Namen Kappner auf einer Informationstafel direkt am oberen Eingang zum Jüdischen Friedhof Kleinsteinach zu sehen, wie unten abgebildet.

Bereits am oberen Eingang zum Jüdischen Friedhof bei Kleinsteinach stößt man auf den Namen Cordula Kappner: wie aus dem Privatarchiv Kappner (nachträglich rot markiert, TS) hervorgeht, hatte dieser nördliche Teil des Friedhofs, im Gegensatz zum älteren Teil auf lichtem Feld gelegen, durch den Landverkauf durch Selig Saalheimer (1859-1917) im Jahr 1889 den Friedhof erweitert.

Frau Kappner war übrigens aus der ehemaligen DDR nach Unterfranken gekommen. Durch ihre nichtfränkische Aussprache fiel dies auch auf; ich habe sie als leicht berlinernd in Erinnerung, kann mich aber auch täuschen. Von der DDR erzählte sie häufiger einmal: den Mund zu halten sei noch nie ihr Ding gewesen — doch den Mund zu halten, das war in der DDR das Gebot von Jahrzehnten. Zynischerweise — so fällt mir dazu ein, nachdem ich erst gestern nach meinem Ausflug auf den Jüdischen Friedhof Kleinsteinach den absolut sehenswerten Film Gundermann gesehen habe — war „Mund halten“ in der DDR doppeldeutig: zum einen war das System nicht zu kritisieren, und zum anderen war dem System gegenüber der Mund zu halten, um sich nicht an SystemkritikerInnen schuldig zu machen. Die DDR war zwar nicht vergleichbar mit dem Dritten Reich, doch sie war eine Diktatur — und machte Frau Kappner wohl erfahren darin, was Mund (nicht) halten bedeutet.

Ich kann mich übrigens daran erinnern, dass mir Frau Kappner einmal gesagt hat, dass man in der DDR klarer Stellung gegenüber Nazi-Deutschland genommen habe, als in Westdeutschland, wohin sie doch immerhin geflohen war. Ich weiß nicht mehr, wann es war: es könnte im BIZ gewesen sein, es könnte aber auch während ihres Besuchs in meinem Dorf gewesen sein, als ich sie begleitete und einzelnen Dorfbewohnern vorstellte, nachdem sie herausgefunden hatte, dass diese in Besitz eines der Gebäude waren, in denen im 19. Jahrhundert Juden gewohnt hatten. Es könnte auch sein, dass ich sie da gerade zusammen mit der jüdischen Gemeinde der Stadt Hof begleitet habe: auf dem nachempfundenen Todesmarsch vom Außenlager Helmbrechts in Richtung KZ Flossenbürg, an der tschechischen Grenze. Auf den ersten Blick ein Widerspruch: in der DDR sprach man also offener über die Nazis, aber trotzdem musste man den Mund halten… Anfang der 1960er Jahre, wohlgemerkt.

Jedenfalls „machte sie rüber“, die Frau Kappner, und zwar (laut In Franken.de) im Jahr 1962, zusammen mit ihrer Familie. Der Vater war ein evangelischer Pfarrer. Die genauen Umstände erinnere ich nicht genau; sie war damals jedenfalls eine junge Erwachsene. Den Mund halten, wenn auch in einem anderen Kontext, war auf dem bayerischen Gymnasium auch nie mein Ding: mein verstorbener Lateinlehrer würde sich gewiss zornvoll an mich erinnert haben. Und so hörte ich ihren Geschichten aufmerksam zu, auch wenn es hier nicht um meine jugendliche Renitenz und bockige Lehrer, sondern um sehr viel ernsthaftere Dinge geht.

Jüdische Gemeinde und Jüdischer Friedhof Kleinsteinach

Es geht, wenn auch in diesem Beitrag nur sehr ausschnittsweise, um das frühere jüdische Gemeindeleben im Dorf Kleinsteinach und sein Ende, das spätestens im Jahr 1942 gekommen war, also nur drei Jahre vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Naziherrschaft in Deutschland. Mein Ausflug nach Kleinsteinach begann mit einem Telefonat Ende letzter Woche: ich rief im BIZ Haßfurt an, das sich heute nicht mehr am Schulzentrum, sondern am Marktplatz der Stadt Haßfurt befindet. Ich wollte in Erfahrung bringen, wie ich am besten das Privatarchiv Kappner besuchen könnte, und am Telefon erreichte ich gleich die sehr freundliche Frau H., die ich ebenfalls noch aus meiner Schulzeit kenne. Sie gab mir alle Informationen, die ich brauchte (und noch ein paar Kontaktideen mehr), und sie machte mich auch darauf aufmerksam, dass es in Kleinsteinach mittlerweile ein kleines Museum gebe, welches ich noch nie besucht hatte. Ich erzählte ihr von meinem Buchprojekt Acta Francorum, deren Teil auch dieser Beitrag werden soll. Sie freute sich sehr darüber. Sie war sich außerdem sicher, dass es auch die verstorbene Frau Kappner sehr gefreut hätte. Das Privatarchiv Kappner, so erfuhr ich, ist im Ort Ebelsbach untergebracht, der etwas weiter weg von meinem Aufenthaltsort liegt. Also beschloss ich, zuerst Kleinsteinach und den dortigen Friedhof zu besuchen.

Das Museum Kleinsteinach hat eine sehr informative Homepage, die jedoch auch darüber Auskunft gibt, dass das Museum aufgrund der Pandemie geschlossen ist. Der Friedhof ist einmal wöchentlich (sonntags) offen, darüber hinaus gebe es feste Führungen, man könne aber auch außerhalb der Öffnungszeiten Zugang bekommen. Ich rief kurzerhand dort an, und eine ebenfalls sehr freundliche Frau erklärte sich bereit, mir noch am selben Tag den Friedhof aufzuschließen. Dieser ist von einem eisernen Zaun umgeben, was sich aus Gründen des Schutzes wohl von selbst versteht: oft sind Nachrichten über Schändungen jüdischer Friedhöfe zu lesen. Ich machte mich also auf den Weg, à vélo.

Der Friedhof liegt zirka eineinhalb Kilometer außerhalb des Dorfes Kleinsteinach, weshalb die Bilder im Ort beginnen, wo es jedoch auch einiges zu besichtigen gibt.

Ortsansicht von Kleinsteinach, bereits vom Rückweg vom Jüdischen Friedhof, im Hintergrund ein abgeerntetes, geeggtes und staubtrockenes Feld, das fast wie eine Düne daliegt.

Ich bin von Humprechtshausen in den Ort gefahren, entlang des Riedbachs, wo man zuerst ins sogenannte Oberdorf gelangt: das Dorf kennt eine Zweiteilung in ein Ober- und ein Unterdorf. Bereits an den Ortschildern finden sich Hinweise auf die jüdische Vergangenheit, im folgenden Bild durch das Odonym Matzengasse, was auf die Zubereitung des jüdischen Brotes Matze hinweist:

Das Schild mit den Straßennamen befindet sich an einem kleinen Brunnen und einer Viehwage, wo auch die erste der sehr eindrücklichen und vorbildlich gestalteten Informationstafeln eines Rundwegs durch das Dorf steht.

Ich kann nicht alle Bilder, die ich aufgenommen habe, in gebührendem Maße mit der gegebenen Information hier wiedergeben, so dass ich mich auf eine Auswahl beschränken muss. Man erfährt sehr viele alltägliche Details zum Leben in Kleinsteinach am Vorabend des Holocaust, unter anderem über die jüdische Praxis des Schabbesdrahts zum Sabbat, um also den Bewegungsradius am Ruhetag zu bestimmen:

Besonders bewegend fand ich das folgende Bild, und zwar aus mehrerlei Gründen: zum einen zeigt es echte Menschen mit echten Gesichtern, echten Namen und echten Schicksalen, die außerdem auf weiteren Bildern vorkommen; zum anderen ist das Waaghäuschen aus dem Jahr 2020 mit jenem aus dem Jahr 1932 — ein Jahr vor der „Machtergreifung“ der Nazis — nahezu identisch; und zum dritten sind da die alten fränkischen Dachziegeln, die man heute nur noch sehr selten antreffen kann — ohne, dass sie ganz verschwunden wären: sie gelten als „altes Gerütsch“. All das macht dieses Bild besonders berührend, und zwar ganz besonders für Menschen, die mit der Welt der Dörfer vertraut sind: wer in einem unterfränkischen Dorf aufgewachsen ist, weiß ganz genau, dass sich in einem solchen Dorf nicht nur alle untereinander kennen und in Beziehungen zueinander stehen, sondern sich auch bei jeder Begegnung mit Namen begrüßen.

Diese absolute Vertrautheit in der Welt des Dorfes, wo Alle Alle kennen, wirft gleichzeitig ein sehr großes Problem für das auf-arbeiten Können, geschweige denn für die bald sehr unpassend erscheinende Vorstellung einer „Bewältigung“ auf: wo Alle Alle kennen, wissen auch Alle Bescheid darüber, wenn Einzelne verschleppt und ermordet werden. Die Begriffe ‚Völkermord‘ oder ‚Genozid‘ können da paradoxerweise fast wie Euphemismen wirken — da sie doch die besondere Schwere des über Jahre andauernden, geplanten, in voller Absicht und auf organisierte Weise durchgeführten Verbrechens sowie seine schiere Dimension zum Ausdruck bringen sollen. In einem kleinen Dorf wie Kleinsteinach — und alle anderen Dörfer der Haßberge ähneln ihm in Größe und Milieubeschaffenheit — muss der Genozid und sein Nach- bzw. Fortwirken etwas sehr intimes gewesen sein.

Beide unten abgebildeten Frauen, Meda Neumann (geb. 16.6.1896, ermordet am 8. Mai 1945 in Izbica) und Sophie Grünbaum (gestorben am 27.4.1943 in Theresienstadt) sowie der Sohn von Meda Neumann, Erich Neumann (geb. 22.8.1931), der nur 14 Jahre alt wurde, da er 1945 in Izbica ermordet wurde, werden alle anderen Einwohner des Dorfes bei Namen gekannt haben; vielleicht mag dies nicht auf das Kind Erich zugetroffen haben, das mit den entmenschlichenden Gesetzen der Nazis aufgewachsen ist und keine andere Welt kennengelernt hat: den Nazis war alles daran gelegen, das Zwischen-den-Menschen zu zerstören, das vorher ohne Zweifel bestanden haben muss. Wo Alle Alle kennen, wo es ein Zwischen-den-Menschen, also in Hannah Arendts Worten ein gemeinsames Inter-Esse gegeben haben muss: dort lässt die Sichtbarmachung der Namen, Gesichter und Personalien in einem wiedererkennbaren sozialen Umfeld auch für Außenstehende und Nicht-Zeitgenossen erahnen, wie schwer die Schande wiegt, die das Verbrechen des Holocausts hinterlässt. Zwar bleibt die Schande: was einmal eine Schande war, wird mehrere Generationen später nicht weniger eine Schande sein können; dennoch nimmt eine Schande, die zwischen Gemordeten und Nicht-Germordeten, die Zeitgenossen waren und in einem Dorf gelebt haben, eine Schwere an, die „unsäglich“ werden kann.

Das nächste Bild ist zur selben Gelegenheit entstanden wie das vorangegangene; da die Bildunterschriften gut erkennbar sind, erspare ich mir an dieser Stelle Paraphrasierungen und lasse die Bilder und ihre Bildunterschriften selbst sprechen:

Es folgt ein weiteres, sehr bewegendes Bild, auf dem Kinder aus Kleinsteinach abgebildet sind, und zwar aus dem Jahr 1936 — also bereits in der Nazizeit. Während das gemordete, jüdische Kind Irmgard Neumann (ermordet in Izbica) namentlich genannt wird, finden sich von ihren Freundinnen keine Namen. Auch hier komme ich auf den dörflichen Kontext des Alle-kennen-Alle zurück: während der eine Name genannt wird, werden die übrigen drei Namen unbenannt gelassen. Es bleibt der Spekulation überlassen, was mit den übrigen Kindern war: wie erinnerten sie sich an ihre gemordete Freundin? Was hat es mit ihnen gemacht? Wie haben sie die Erinnerung an ihre Freundin auf-ge-arbeitet?

In den nächsten Beiträgen soll es um den Jüdischen Friedhof Kleinsteinach gehen, gefolgt von meinen Eindrücken nach dem Besuch des Jüdischen Friedhofs Burgpreppach sowie ein anschließendes Treffen und Interview mit der Lokalhistorikerin Frau Flachsenberger in ihrem Privatarchiv Burgpreppach gehen.

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