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Frühling

Als ‚Heimat‘ sachlich war

Bevor Heimat in meiner eigenen Wahrnehmung zu einem belasteten und schwierigen Begriff geworden ist, mit dem ich mich in den Acta Francorum jedoch herausgefordert sehe, neu auseinanderzusetzen, kannte ich den Begriff vor allem unter der Bezeichnung des Schulfachs „Heimat- und Sachkunde“. Im Francorum der 1980er Jahre hieß es jedenfalls damals so, und es war mein absolutes Lieblingsfach. Oft war ich Klassenbester. Das fiel mir zudem noch ausgesprochen leicht, da mich die Inhalte grundsätzlich interessierten, aber selten meinen ganzen Wissensdurst stillen konnten. Das Fach Heimat- und Sachkunde war so etwas wie die Sendung mit der Maus im Klassenzimmer: man lernte, wo und wie die Flüsse flossen, aber auch, wie eine Kläranlage funktionierte.

Iller, Lech, Isar, Inn, fließen rechts zur Donau hin. Wörnitz, Altmühl, Naab und Regen kommen ihr von links entgegen.

Lernspruch für bayerische Grundschülerinnen

Mir war jedoch damals schon der bayerische Rahmen, um den es vordergründig ging, viel zu eng — was natürlich mit dem jugoslawischen Teil unserer Familie mütterlicherseits, sowie den Geschichten „aus Russland“ väterlicherseits zusammenhing.

Ich komme auf die Geschichten der unterschiedlichen Herkünfte meiner Familie in den Acta Francorum immer wieder zurück. Über „Russland“, woher unsere Vateroma Olga und ihre zahlreichen Geschwister und Verwandten kamen, und womit eigentlich immer die heutige Zentralukraine gemeint war, schreibe ich zum Beispiel in den Beiträgen der Schlüsselblumenwiese. Viel zentraler war für mich immer Jugoslawien bzw. Bosnien, woher meine Mutter und ihre noch viel größere Verwandtschaft kommt.

Mein Wissensdrang ging so weit, dass mir meine Tante bald einen Globus schenkte, damit ich die endlosen Fragen über Geografie, die ich an meine Eltern richtete, mir selbst würde beantworten können. Ich hatte Fragen wie „Neben welchen Ländern liegt Bulgarien? Ist Russland wirklich so groß? Wie heißen alle Nachbarländer von Jugoslawien? Wie heißt die Hauptstadt von Nicaragua? Wo liegt die Wüste Gobi?“. Die Antworten auf diese Fragen hatte ich mithilfe des beleuchteten Globus sowie einiger alter Tankstellen-Atlanten bald so tief inhaliert und verinnerlicht, dass ich in der Grundschule fast alle Hauptstädte aller damaliger Staaten auswendig kannte. In einem Abfragespiel mit meiner Zwillingsschwester ließ ich dies immer wieder überprüfen. Ich bin immer noch davon überzeugt, dass der Globus — den es immer noch gibt — das womöglich sinnvollste Geschenk war, dass man mir hat machen können.

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