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Prolog

Du musst fort von hier

Aufenthalte in Unterfranken habe ich früher oft als unangenehm empfunden — besonders in den Jahren direkt nach meinem Fortzug. Wenn ich in Franken zu Besuch war, hatte ich nach spätestens vier Tagen oft das störende Gefühl: Du musst dringend fort von hier.
Ich weiß, dass es vielen Freundinnen und Freunden, die ich in Sarajevo, Berlin oder Istanbul kennengelernt habe, ähnlich gegangen ist: gerade Menschen, die aus kleinen Ortschaften oder Dörfern kommen, sind oft mit dem Gefühl von ihrem Herkunftsort fortgegangen, irgendwie nicht zu passen, nicht dazuzugehören, nicht akzeptiert zu werden — oder auch einfach, dass es für sie und ihre Interessen nicht der richtige Ort war. Viele werden dieses Gefühl also kennen.
Doch diesmal (Note to myself: wann war ‚diesmal‘ eigentlich genau?) ist es ein bisschen anders. Ich sitze gerade schon fast eine Stunde lang genüsslich lungernd auf den Treppenstufen vor dem königlich-bayerischen Sandsteinbau des Bamberger Bahnhofs. Vor mich sind zwei riesige Rucksäcke sowie eine zum Handgepäck gewandte Fahrradtasche gebreitet. Ich denke mir: Wie gut es doch tun kann, sich zwischendurch einmal für zwei Wochen in Franken aufzuhalten. Dort kann ich mich sprachlich völlig gehen lassen – und dabei teils neu entdeckte, teils wiedererkannte Dialektwörter begierig wie ein Badeschwamm in mich aufsaugen. Oder: das bilde ich mir jedenfalls ein.
Typische Sandsteingebäude in Hofheim i. Ufr., aufgenommen im Herbst 2020 (Foto: Thomas Schad)
Ich stelle mir vor, wie die Fassade meines Berlinsprechs vom gelben Sandstein abplatzt: Berlinsprech ist hart von Grammatik diszipliniert. Berlinsprech unterscheidet ganz genau zwischen harten und weichen Konsonanten.1In Franken wird Kindern in der Grundschule dagegen beigebracht, zwischen „weichem d und hardem d“ / „weiches b und hardes b“ zu unterscheiden.. Die fränkischen Diminutive — „ich hädd‘ gern sechs Brödlich und vier Hörnlich!“ — darf ich in Berlin nicht verwenden, ebensowenig die viel praktischeren Bräbositionen nei(s), nauf, nüber, nunner und rüber.2Mir tut heute noch die Fränkin leid, die sich in der gemischten Sauna meines Fitnessstudios zum Gespött gemacht hat, nachdem sie ihrer hochdeutschen Freundin vor aller Ohren erzählt hat, dass sie sich jetzt endlich „gscheide Durnschuh“ gekauft hat. Ich stelle mir die Sprache als Bodensubstrat vor, aus dem alles kommt: nach wenigen Tagen Aufenthalt unter dem rot-weiß-fränkischen Rechen wird mein Berlinsprech immer peinlicher, überflüssiger, unpraktischer und ungeliebter. Warum tue ich mir das eigentlich an? Der fränkische Rechen schrubbt mein Sprachzentrum durch: bald ist alles von der Erdigkeit eines bäuerischen Dungs unterpflügt. Ich gleite hinüber in einen Mischmasch, der auch wieder nicht stimmt: zu jeder Gelegenheit trachte ich danach, so herb wie möglich im Dialekt zu sprechen, obwohl ich das im Prinzip nie „richtig“ konnte. Meine Vorliebe für besonders archaische, besonders ungebräuchliche Ausdrücke sorgt zuweilen für überraschte Reaktionen meiner Mitfränkinnen und Mitfranken.
Nun ist der fränkische Dialekt bei weitem nicht so bekannt — aber auch nicht so berüchtigt — wie etwa Sächsisch, Schwäbisch, oder Bayerisch. Und nein: Fränkisch ist nicht „wie Bayerisch„. Für alle, die nicht wissen, wie sich der fränkische Dialekt lesen ließe, sei hier eine kurze Auswahl von Fränkismen zusammengestellt, wie sie im unterfänkischen Zonenrandbezirk Dialektsprecherinnen geläufig sind — oder zumindest waren, denn mein Neffe wächst bereits ohne sie auf:
Wo ich ner mei Ha hi ho? = Wo ich nur meine Harke hin habe?
Hasda ma a Ä ü? = Hättest du einmal ein Ei übrig?
Gema rü. Gema naus. Gema nauf. Gema nei. = Geh‘ mal runter. Geh‘ mal hinaus. Geh‘ mal hinauf. Geh‘ mal hinein.
Der is nein Mee ganga. = Der hat sich im Main umgebracht.
Ich wolld nur gschwind auf Hoffinga fahr. = Ich wollte nur geschwind nach Hofheim fahren.
Schweiferd = Schweinfurt.
Üüfld = Unfinden (Ortsname).
Fuschd = Fuchsstadt (Ortsname).
Höred = Oberhohenried (Ortsname), womöglich auch Unterhohenried.
Ich hab heud eewich die Kopffreggn.= Ich hab‘ heute extreme Kopfschmerzen.
Himmelherrschafdsxaven.= Himmelherschaftsxaven (nach der Überlieferung meines ehemaligen Deutschlehrers).
Is fei a archa Schlabbsau. = Ist aber ein arger Schlamper.
Was mir aber definitiv am meisten fehlt, ist das Wort fei: es ist so etwas wie das baš der Jezik*-Sprecherinnen und eigentlich unerklärbar. Ich habe diese Auswahl aus meinem persönlichen Erinnerungsrepertoire gezogen, und will darauf hinweisen, dass die Schreibweise nicht als haargenau verbindlich zu lesen und auszusprechen ist. A archa Schalbbsau könnte man bestimmt auch mit einem stummen ‚r‘ er archer Schlabbsau schreiben. Wer wissen will, wie Fränkisch klingt (wenn auch in diesem Fall eher Mittelfränkisch), kann sich ein Video mit der Kunstfigur Erwin Pelzig (dem Kabarettisten Franz-Markus Barwasser) ansehen.
Allen Anstrengungen zum Trotz: In Franken gelte ich längst als Hochdeutschsprecher. Mein Fränkisch gilt als unecht. Die Nachbarin meiner Mutter hat einmal gesagt, ich spräche schön — will sagen: hochdeutsch. Sprache ist schon immer eine Machtfrage, und in Deutschland dominiert ganz klar der Hannoveraner Dialekt als Hochsprache und Schriftstandard. Fränkinnen scheinen dennoch seit einiger Zeit zu entdecken, dass ihr Dialekt Nichtsprecherinnen als sympathisch gilt. Sie werden aber dennoch oft vom Dünkel geplagt, man gälte Normdeutschsprecherinnen als irgendwie dümmlich oder trampelhaft, wenn man nicht automatisch zwischen hardem und weichem D und B unterscheiden kann. Dies mag aber eher mit ihrem Selbstbild zusammenhängen: im Gegensatz zu ihren guttural-selbstbewussten, bajuwarischen Nachbarn pflegen sie ein eher verdruckstes, ambivalentes Verhältnis zu ihrem Schnabel, wie er ihnen gewachsen ist.
Sie ähneln darin vielleicht ein wenig den Schwäbinnen und Sächsinnen, die mit ihren Nasalen ja gar nicht anders zu können, als zu schwäbeln und zu sächseln, und das ein Leben lang. Dennoch fühlen sich fränkische Dialektsprecherinnen letzteren gegenüber irgendwie erhaben: So schlimm wie die, so das Selbstbild, spricht man doch bei weitem nicht. Über die Hässlichkeit des schwäbischen und sächsischen Dialekts lacht ganz Deutschland — doch Fränkinnen haben das Glück, dass sie relativ unbekannt sind. Trotzdem empfinde ich Normdeutsch als genau das, was es für mich auch ist: als geschriebene Sprache. Normdeutsch klingt auch gesprochen so wie gedruckt.

Szene vom Bamberger Bahnhof

Es ist weder kühl noch warm an diesem beigen Spätsommertag, und nur der boshafte Zigarettenqualm eines bayerischen Polizisten macht die Luft überhaupt wahrnehmbar. Mal lese ich in der französischen Presse, dann starre ich entrückt ins Hier und Jetzt. Meine Pupillen bleiben reglos, wie fest ich auch aus endloser Entspannung in den weiß-grauen bayerischen Himmel blicken mag. Irgendwo in südlicher Richtung verbirgt sich zu dieser Mittagsstunde die Sonne hinter einem diffusen Kondensat, um heute mitteleuropäisch dezent von ihrem vorherbstlichen Blendwerk abzusehen.
Die weich machende Milde der Luft taucht das halburbane Treiben der Luitpoldstraße in eine stoische Stimmung des immerfort sitzen bleiben Wollens. Und so will es auch kommen: schließlich verpasse ich meinen Fernbus nach Berlin. Wie ich in meine Alpenwanderhose gekleidet so da sitze, zeigen mir die Blicke bald Englisch, bald Italienisch sprechender Reisender an, dass ich allmählich den Habitus eines globetrottenden Backpackers annehme, soeben heimkehrend von skandinavischen Schärengärten, iberischen Landrefugien, balkanischen Schluchten. Zwar hat sich in ganz Europa inzwischen eine neuartige Rollkoffermode durchgesetzt; doch die Schnallen, Gurte und Kordeln abgewetzter Trekkingrucksäcke vermitteln seit Jahrzehnten das gleiche, vitale Klischee der abenteuerlich Herumkommenden. Ich werde zum Teil einer Kulisse, die ich selbst betrachtete und erlebe.
Ein grüner Fernbus fährt schließlich an mir vorbei. Ich sehe, wie der Beifahrer die neu zugestiegenen über das Bordmikrofon begrüßt. Mir dämmert ein wenig gleichgültig: es ist Mein Fernbus. Vorsichtig will sich Verärgerung in mir regen, die ich aber sofort zurückweise und in der eingenommenen Gleichgültigkeit festhalte. Ich visualisiere die aufsteigende Blase von Ärgernis, denke kurz an eine Anekdote aus Hape Kerkelings „Ich bin dann mal weg“, sage mir – immer noch inspiriert von Hape (als Gisela):
„Nicht in diesem Ton!“„Das möchte ich nicht!“
Ich kann kurz und herzhaft auflachen. Ich werfe also einen letzten Blick auf das Fernbusticket, das einen kleinen Stadtplanausschnitt enthält, und erkenne, dass die Haltestelle hundert Meter weiter links um die Ecke an der Ludwigstraße liegt, kurz vor der Einfahrt zum Bahnhofsvorplatz. Ich kann die Haltestelle von meinem Lungerplatz aus also unmöglich sehen. Ich werfe das Ticket ohne viel Federlesens in den Müll und kaufe mir ein 90 Euro teures Bahnticket. Es is‘ wie’s is‘. Zum Trost denke ich kurz an Naddy und sage mir:
„Geld spielt keine Rolle!“ „Was kostet die Welt? Ich nehm‘ gleich zwei!“
Ich muss eine weitere dreiviertel Stunde auf den nächsten Zug warten. Aus der Kulisse herausgerissen, wäre es unecht gewesen, sich wieder vor das Gebäude auf die Sandsteinstufen zum erneuerten lungern zu setzen. Ich bleibe, wo ich bin: vor einem Bäckerladen, hole mir einen Kaffee (…was kostet die Welt?). Rings um mich herum wird in dezimeterdicke, nitritpökelrote Leberkässcheiben zwischen Brödlich-Hälften neigebissen. Wo es nicht schmatzt und tropft, werden vollbusige Dialektgespräche über Beerdigungen und Krankenhausbesuche geführt. Eine Alte mit Leberkäsbrödla in der Hand wirft mir einen lüsternen Blick zu. Ein marktiefes Schaudern lässt meine Unterarmbehaarung gegen die bägbäggerischen Hemdsärmel schlagen, und eine altbekannte Stimme in mir rät:
Du musst dringend fort von hier.
So reflektiere ich meinen Pseudourlaub in Franken. Inzwischen befinde ich mich auf der Rückfahrt mit dem Zug von Bamberg nach Berlin, während die elegische Schönheit knorriger Weiden längs der mäandernden thüringischen Saale an mir vorbeizieht. Die versöhnliche Hintergrundkulisse bilden unermesslich alte, auf wenige hundert Meter hinabgeschliffene Gebirgsrümpfe. Keuper, Muschelkalk, Jura: Hier war mal Meer. Heute ist hier das Anthropozän.

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