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Herbst

Radtour nach Schweinfurt (I): durch eine Landschaft im Wandel

Vorbemerkung: In diesem mehrteiligen Beitrag geht es um eine Radtour von Friesenhausen über Hofheim, Königsberg und Haßfurt nach Schweinfurt, zum Ellertshäuser See und wieder zurück. Ich werde dabei einige der unterwegs gemachten Beobachtungen und Erinnerungen vertiefen. Am Ende werden so einige Themen angesprochen worden sein: vom neuerlichen Tourismus über die Fachwerk- und Sandsteinarchitektur bis hin zum Weinbau, zum Klimawandel, der Industrie und dem alten Zonenrand. Den Beitrag werde ich im Backend weiter vertiefen, bis er am Ende schließlich Teil des Buchprojekts Acta Francorum über eine Landschaft im Wandel werden soll.


Dem schlechten einen guten Tag folgen lassen

Der heutige Tag begann mit Kopfschmerzen und einem extremen Motivationstief, so dass stundenlanges Sitzen am Schreibtisch mit größter Wahrscheinlichkeit in einem schlimmen Schlendrian versandet wäre. Bereits gestern war ein schlechter Tag: ich kam im Selbstmarketing — ein anderes Wort für Bewerbungen scheiben — kaum voran, obwohl ich andererseits auch den ganzen Tag am arbeiten, ordnen, schreiben, strukturieren und verschlagworten war. Neben dem nur einstündigen Heckensägenmassaker an der Ligusterhecke meiner Mutter war dies jedoch jene Art von uneigentlicher, schreiberischer Arbeit, an deren Ende nie so ganz klar ist, worin die eigentliche Arbeit denn nun bestand und was genau bei ihr herauskommen würde.

Ich muss aber vor meinem heutigen Tagwerk noch kurz zu einem weiteren Grundübel kommen, welches mich plagte und welches letztlich zum eigentlichen Auslöser meines heutigen Ausflugs wurde. Dankbar bin ich in dieser Hinsicht meinem bosnischen Großonkel, mit dem es am frühen gestrigen Abend nämlich zu einem Treffen kam. Seit längerem (wahrscheinlich seit Jahren) haben wir uns nicht mehr gesehen. Er wohnt in Kroatien, hält sich aber oft zu längeren, saisonalen Arbeitsaufenthalten in Franken auf, wo ich über das Jahr verteilt wiederum fast so selten bin wie „unten“. Besagter Großonkel betrachtete mich jedenfalls ungläubig und geriet fast aus dem Häuschen ob meiner neuen, ihm unbekannten Körperfülle: „Vidi ga koliki je!“ — „Schau ihn an, wie massig er jetzt ist!„, rief er bei meiner Ankunft, bei unserer Verabschiedung und auch zwischendurch aus.

Ich bin deswegen gar nicht auf meinen Großonkel sauer, und man verstehe dessen Zwischenrufe bitte auch nicht als dickenfeindlich. Denn erstens kenne ich die Höflichkeitsgepflogenheiten in der Jugosphäre, die sich hinsichtlich der Kommentare zum Körpergewicht stark von der deutschen Diskretion unterscheidet: niemand soll glauben, er könne nach längerer Zeit einen altbekannten Menschen von dort wiedertreffen, ohne zuerst — laut und deutlich für alle vernehmbar — auf den jeweiligen körperlichen Zustand angesprochen zu werden. Ich habe in dieser Hinsicht auch schon viel zugespitztere Kommentare zu hören bekommen. In Deutschland gälte dies durchaus als unhöflich: doch was hier unhöflich ist, ist dort völlig normal. Manchmal habe ich sogar den Eindruck, derlei Äußerungen würden als neckische „zafrkancija“ ( = unübersetzbar) wie eine Art „Icebreaker“ verwendet, um unnötige Distanzen aus dem Weg zu schaffen, um gleich wieder ungeschminkt miteinander reden zu können. Zweitens hatte mein Großonkel ja überaus Recht, wie übrigens am selben Abend auch meine Tante (ebenfalls aus der Jugosphäre) beim Videotelefonat noch einmal bemerkte: ich brauchte ganz, ganz dringend Bewegung.

Um dem schlechten, gestrigen Tag einen guten, heutigen Tag entgegenzusetzen — noch dazu mit einem zahlenmäßig vorzeigbaren Erfolgserlebnis — beschloss ich, etwas für die Acta Francorum, für meinen geschundenen Körper sowie für die allgemeine Raison d’être an einem so strahlenden Spätsommertag zu tun. Ich beschloss also, mit dem Farrad nach Hofheim, Königsberg, Haßfurt, Schweinfurt, den Ellertshäuser See und zurück zu fahren und dies möglichst achtsam zu tun. Davon werde ich in den folgenden Abschnitten berichten. Vorausschicken muss ich leider, dass ich diesmal meine Kamera nicht mit nach Franken gebracht habe, sodass die (Smartphone-)Bildqualität etwas niedrig ist. Außerdem habe ich insgesamt auch nicht allzu viele Bilder gemacht, da ich oft nicht geneigt war, mein strampeln zu unterbrechen. Eventuell werde ich nachträglich noch einige Bilder einfügen, die jedoch von anderen Tagen datieren.

Eine insgesamt machbare Strecke (mit Muskelkater)

Quelle: OpenStreetmap

Generell ist zu der Gegend und zu den Streckenverhältnissen zu sagen, dass sie sich gut für längere Radtouren eignet. Bis auf die noch zu beschreibende Schweinfurt-Zell-Ebertshausen-Grausamkeit gilt dies auch für eher weniger konditionierte FahrerInnen, denen ich wahrscheinlich einen anderen Rückweg oder immerhin die Nutzung eines E-Bikes nahelegen würde. Für viele dürften Steigungen aber eine relativ irrelevante Größe sein, weil sie ohnehin E-Bike fahren und mit strampeln nicht mehr viel zu tun haben: unterwegs bin ich fast keinem herkömmlichen Rad mehr begegnet. Ich selbst fahre kein E-Bike und bin lange Strecken aus Berlin und dem Brandenburger Umland gewohnt, wo ich auch schon mal auf 100 Kilometer am Tag komme. Die Gegend zwischen Haßbergen und Main, die ich heute gefahren bin, unterscheidet sich nicht allzu stark von den Muränenwellen im Havelland, obwohl die Steigungen in Franken insgesamt doch beträchtlicher sind. Ich war mir allerdings darüber im Klaren, dass diese lange Radtour aufgrund meiner zurückliegenden Trägheitsphase und aller weiteren pandemischen Nebeneffekte nicht ohne einen Muskelkater auskommen würde.

Von Friesenhausen nach Hofheim: über die „Kohlmühle“

Ich fahre eigentlich grundsätzlich einen Schleichweg von Friesenhausen nach Hofheim, und zwar über die sogenannte Kohlmühle, die an der Nassach liegt, welcher ich bis nach Lendershausen folge. Für Kinder, die in den 1980er Jahren oder früher in Friesenhausen aufgewachsen sind und einen großen Teil ihrer kindlichen Freizeit im Freien verbracht haben, ist die Kohlmühle ein legendärer Ort. Bis auf ein paar Mauerreste und den Eingang in einen alten, fränkischen Gewölbekeller aus porösem Sandstein war schon früher nichts von der Kohlmühle erhalten. Heute ist sie vollkommen von Weinranken überwuchert. „Weißt du noch, als wir als Kinder mal eine Nacktschnecke in der Kohlmühle gegrillt haben?“, ist eine Frage, die zwischen mir und meiner Kindheitsfreundin S. manchmal auftaucht. Ja, ich weiß das noch… Den Eingang zum Sandsteinkeller gibt es entweder nicht mehr, oder ich konnte ihn nicht sehen, weil er inzwischen vielleicht ebenso zugewuchert oder gar eingestürzt ist.

Quelle: OpenStreetmap

Während besonders in der früherwachsenen Phase die Eindrücke endloser Langeweile und Reizunterflutung der Teenagerzeit die Erinnerung an das Aufwachsen auf dem Land prägten, verbinde ich Orte wie die Kohlmühle mit sehr schönen Erinnerungen aus der früheren Kindheit und Jugend. Als Kinder haben wir, wann immer möglich, unsere Zeit draußen verbracht: es wurden Lager in Hecken gebaut, Bachläufe aufgestaut, Kleeböcke ausgehöhlt, Kaulquappen gezüchtet, Banden gebildet und bei Begehren auch einmal anderer Leute Obst oder Kürbisse geerntet. Besondere Anziehungskraft übten Gewässer aus — und der ernsthafteste Wasserlauf in unserer Nähe war die Nassach bei der Kohlmühle. Die Nassach ist ein Bach, der in seinem Unterlauf aber durchaus das Potenzial zu einem Fluss hätte, wenn er nicht bereits nach 24 Kilometern in Haßfurt in den Main münden würde. An der Nassach galt es allerdings immer, „Wasser schöpfen“ zu vermeiden: Bachwasser und Schlamm in den Schuhen galt den Müttern unserer Generation — und damals stets den Müttern, nie den Vätern — als ein besonderer Graus. Von der Kohlmühle kam ich jedenfalls so einige Male mit nassachnassen Schuhen nach Hause.

Das Draußenspiel heutiger Erwachsener

Bei einem jener Früher-war-alles-besser-Gespräche auf der Terasse meiner Mutter, bei dem auch Gäste anwesend waren, wurde vor kurzem wieder einmal angesprochen, dass die Kinder von heute sehr viel weniger im Freien spielten als frühere Kindheitskohorten. Dies liege an der neuen Fülle von Spielsachen der digitalen Ära — Spielsachen, die eigentlich gar keine „Sachen“ mehr sind. Das klingt zunächst sehr plausibel. Aber klingt es nicht auch ein wenig nach Generationenkonflikt? Was also ist dran an dieser Behauptung? Die Wahrheit ist: ich weiß es nicht, und mit einiger Wahrscheinlichkeit wird es sich von Fall zu Fall unterscheiden. Ich kenne in meinem Bekannten- und Freundeskreis Kinder, die sehr wohl draußen spielen und sehr kontrollierten Zugang zu digitalen Medien haben, wohingegen andere hauptsächlich in den Pseudo-Umwelten der Programmiersprachen, Videokonsolen, Open-World-Dimensionen und Youtubekanälen spielen.

Sehr viel sicherer dagegen kann ich eine grundlegende Veränderung des Freizeitverhaltens vieler Erwachsener feststellen, was besonders den Ausbau von Rad- und Wanderstrecken, aber auch die Umgestaltung vieler Häuser zu Ferienwohnungen betrifft. In meiner Kindheit wäre es so gut wie niemandem in den Sinn gekommen, seinen Urlaub in dieser Gegend zu verbringen. Heute dagegen gibt es allein im Dorf Friesenhausen mehrere Ferienwohnungen, die auch rege genutzt werden, und auch in anderen Dörfern habe ich Aushängeschilder mit der Beschriftung „Ferienwohnung“ gesehen. Es wäre nicht übertrieben, von einer neuen Welle des Tourismus auf dem Land zu sprechen, die seit einigen Jahren auch diesen vorher ignorierten Landstrich in Franken erfasst hat.

Vielleicht, so denke ich mir, können es sich die Erwachsenen von heute einfach leichter zugestehen, einem alten, nie ganz verlorenen Drang aus ihrer Kindheit nachzugehen: draußen zu spielen. Mir jedenfalls, der als Kind an der Kohlmühle regelmäßig Nassachwasser geschöpft hat, tut ein ordentliches Wald- und Wiesenbad zwischendurch sehr gut. Und ich denke, dass ich da bestimmt nicht der einzige bin: davon zeugt ja auch die allgemein beobachtbare Zunahme der „Outdoor-Kultur“, der neuen Sportarten im Freien, des bereits älteren Jogging-Hypes, des Radfahrens und Wanderns und zuletzt, befördert durch die Pandemie, der Boom der E-Bikes. Das ganze hat seine Licht- und Schattenseiten, aber ich glaube, dass es mit einem generellen Umdenken bezüglich der Natur zu tun hat — was wiederum in einem schrillen Gegensatz zur anhaltenden Raserei und zu den immer größeren Autos (SUVs) steht.

Die alte Freizeitkultur

Die jüngste Freizeitkultur baut allerdings auf einer traditionellen Freizeitkultur und ihrer Infrastruktur (z.B. ausgeschilderte Wanderwege) auf, die sich über viele Jahrzehnte hinweg entwickelt hat. Auch in den 1980er Jahren gingen die Leute der Dörfer sonn- und feiertags in den nahegelegenen Haßbergen oder auf den Flurwegen zwischen den Feldern und Hecken spazieren. Ein besonders bekanntes Ausflugsziel in der Gegend war der Aussischtsturm auf der sogenannten Schwedenschanze: einer alten, keltischen Ringwallanlage auf einem Haßberggipfel, wo auch heute noch die Dr. Kramer-Hütte einen Imbiss anbietet.

Bereits seit 1928 besteht der Haßbergverein, der längere Gruppenwanderungen in der Nähe sowie in weiter entfernten Gebieten wie der Fränkischen Schweiz, im Fichtelgebirge oder in der Rhön organisiert. Der Haßbergverein unterhält eine [ergiebige Homepage], auf der sich so einige historische Quellen über die eigene Geschichte und alte Pressebeiträge finden. Auch neuere Film- und Pressebeiträge werden hier gesammelt, wie zum Beispiel der äußerst sehenswerte, akribisch recherchierte Filmbeitrag des Bayerischen Rundfunks aus der Reihe Unter unserem Himmel über die Haßberge, in dem die allgegenwärtige Fachwerkarchitektur und die bayernweit einzigartige Dichte gut erhaltener Bauerndörfer im Mittelpunkt steht (auf der ARD-Mediathek veröffentlicht 2015). Dies alles hat zweifellos einen eigenen, touristischen Reiz.

[Zur ARD-Mediathek und zum Film aus Unter unserem Himmel]

Wie in dem Film hervorgehoben wird, war und ist vor allem die natürliche Ressource Holz für den traditionellen Architekturstil vor der Ziegelstein- und Betonbauweise der Nachkriegszeit des 20. Jahrhunderts mit ihren oft ausnehmend hässlichen, charakterlosen Gebäuden prägend. Dazu merkt der Filmemacher süffisant an, dass die Welt der alten Fachwerkhäuser in den Haßbergen noch vergleichsweise in Ordnung sei — solange man bloß an jenen Stellen die Augen etwas zukneife, wo sich die „Siedlungen“ befänden. Bevor ich diesen Film gesehen habe, ist mir einmal ein Vergleich mit Bildern aus dem Film „Edward mit den Scherenhänden“ in den Sinn gekommen: die Figur Edward schneidet mit seinen Scherenhänden den Anwohnern der amerikanischen Wohnsiedlung die Hecken, wobei die Häuser alle etwas unecht, schrill und knallig wirken. So ähnlich wirken zunehmend auch die Siedlungen der Dörfer in Unterfranken, wo jedes Haus fast eine kleine Villa ist: natürlich mit Garage (und/oder Carport), oft bestanden von pseudo-japanischen Schnittbäumen, im schlimmsten Fall umschüttet von schneeweißen Kieselsteinen. Doch der Film der Reihe Unter unserem Land hat recht: hier stehen wirklich wahnsinnig viele schmucke, reich verzierte Fachwerkhäuser, die in anderen Gegenden (zum Beispiel in Brandenburg) vergeblich ihresgleichen suchen.

Eine ebenso zentrale und unübersehbare Rolle wie das Holz des Fachwerks spielte der fränkische Sandstein, der in diesem Bereich von einer gelbbraunen, warmen Farbe ist. Aus Sandstein wurden nicht nur ganze Bahnhofs- und Verwaltungsgebäude errichtet — wie etwa der Hofheimer, Haßfurter oder Bamberger Bahnhof — sondern auch der berühmte Bamberger Reiter, die unzähligen fränkischen Hoftorsäulen und Pforten, Marktplatzbrunnen, Bildstöcke, Wegkreuze sowie alte Grabplatten: sie alle bestehen aus Sandstein. Dazu zitiert die Mainpost den Kunstreferenten der Diözese Würzburg, Dr. Jürgen Lenssen, mit folgenden Worten:

„Steinbrüche sind der Schoß, aus dem das Erscheinungsbild Frankens geboren wird“, stellte denn auch Domkapitular Jürgen Lenssen in seinem Grußwort die Bedeutung des Gesteins für die Region heraus. Es gebe in Deutschland kaum eine andere Landschaft, die so deutlich von der Bildhauerei geprägt sei, wie Franken. Er verwies auf die zahlreichen Kirchen, Kapelle, Bildstöcke oder Wegkreuze, die die Landschaft prägen. „Der gewachsene Stein atmet den Geist der Ewigkeit“, sagte der Kunstreferent der Diözese. Für die Ewigkeit, nicht für die Sensation, in: Mainpost vom 8.10.2013, LINK
Der aus Sandstein erbaute Bahnhof von Haßfurt am Main: ein ganz typisches Beispiel einer ganzen Reihe ähnlicher Bahnhofsgebäude in diesem Teil Unterfrankens, der vom hellen Schilfsandstein und anderen hellen Sandsteinen geprägt ist.

Reiz und Nachteil zugleich des Sandsteins liegt allerdings in seiner Verwitterung, wofür es auch den Dialektausdruck „altes Gerütsch“ gibt: darunter kann man sich etwa ein heruntergekommenes Haus mit verwittertem Sandsteinfundament, darauf ein morsches Fachwerkgerüst und, zuoberst, herabrutschende, verwitterte, traditionelle fränkische Ziegel vorstellen. Auch über den fränkischen Sandstein gibt es einen kurzen Film des Bayerischen Rundfunks, dessen Originallink auf der Homepage des Haßbergvereins aufgeführt ist und der nur noch über den Youtube-Kanal des BR abrufbar ist.

Diese alten fränkischen Dachziegel werden immer seltener und sind zumeist nur noch als „altes Gerütsch“ anzutreffen. Detailaufnahme aus Kleinsteinach.

Beim Dorf Lendershausen, das praktisch mit Hofheim verwachsen ist, ließ ich den Lauf der Nassach bis zu seiner Mündung hinter mir, wo ich ihn auf meinem weiteren Weg nach Schweinfurt später noch einmal kurz überqueren würde. Man könnte hinter Hofheim, ab Rügheim, auch der Nassach bis nach Haßfurt folgen, doch ich entschied mich für den längeren Weg über Königsberg. Der Streckenabschnitt von Hofheim über Königsberg nach Haßfurt besteht nämlich aus einem ausgebauten Radweg, der einen alten Schienenverlauf ersetzt: den des sogenannten „Hofheimerles“. Auf diesem Streckenabschnitt sind alle Steigungen problemlos bewältigbar, und zu großen Teilen ist die Strecke sogar fast eben. Doch bevor ich zum weiteren Weg komme, verdient auch Hofheim kurz noch Erwähnung.

Hofheim: Rückkehr des KfZ-Kennzeichens, Boomtown der Supermärkte 

Wenn ich darüber nachdenke, was sich an Hofheim in Unterfranken (nicht zu verwechseln mit Hofheim im Taunus) im Laufe der Jahrzehnte verändert hat, dann fallen mir vor allem zwei Dinge ein: erstens, das örtliche Autokennzeichen HOH, und zweitens, der krasse und für mich überhaupt nicht nachvollziehbare Zuwachs an Supermärkten und Lebensmitteldiscountern.  Bis vor einigen Jahren konnte man das Kennzeichen HOH allenfalls noch an uralten Traktoren sehen — seit der sogenannten Kennzeichenliberalisierung von 2012 findet es sich aber wieder häufiger im Straßenverkehr. Nebenbei bemerkt ist der sofortige Blick auf das Autokennzeichen in Deutschland wohl eine ausgesprochene Eigenart in diesem Land, die auf die besondere Beziehung der Deutschen zum Auto, zum Straßensystem, zu den Autobahnen ohne generelle Geschwindigkeitsbegrenzung und natürlich zur Automobil- und Zuliefererindustrie hindeutet.  In Deutschland gehörte das Mitführen eines Autokennzeichenkatalogs zum normalen Repertoire eines KfZs — zumindest bis zur Digitalen Revolution, die alles sofort nachgoogelbar gemacht hat. Seit jeher wurde deshalb nicht nur schnell gewusst, in welcher Region die konkurrierenden KfZ-Halter zu Hause waren, sondern es wurden ihnen auch typische „Eigenschaften“ zugeschrieben. Im Arbeitermilieu der Haßberge zum Beispiel galten Schweinfurter (SW) als lahm, Coburger (CO) wurden für Raser gehalten, und für die Kennzeichen Hildburghausen (HBN) und Meiningen (MGN) aus dem Nachbarbundesland Thüringen waren schnell die Eigenschaften „Habenichts“ und „Möchtegern“ entziffert. Man mag diese Affinität zum Automobil und seiner regionalen Zugehörigkeit für drollig halten.   Andererseits, so denke ich mir oft, ist diese enge Verwobenheit der öffentlichen Meinungen und der Automobilbranche vielleicht das allergrößte, auch psychologische Hindernis auf dem Weg zu einer gelungenen Energiewende. Als Nicht-KfZ-Halter sind mir die öffentlichen Reaktionen auf die Kennzeichenliberalisierung weitestgehend entgangen, weil sie für mich schlichtweg irrelevant war. Vor dem Hintergrund des Stellenwerts des Autos mit Verbrennungsmotor in der Gesellschaft ist es allerdings nicht verwunderlich, dass sich im Netz zahlreiche Berichte über Kontroversen zu dieser Entscheidung finden: manche Gemeinden hätten sich auf ihrem Gebiet gar gegen die „Zersplitterung“ der Kennzeichen entschieden, während andere die Entscheidung begrüßt hätten, und zwar unter anderem verbunden mit der Hoffnung, dass ihre Region dadurch vielleicht überregional bekannter werden und der Tourismus Zugewinne verbuchen möge.  Ich weiß nicht, ob es zu diesem Thema schon irgendwelche Forschungsarbeiten gibt. Aber vielleicht trifft die Spekulation über den Zusammenhang touristischen Aufschwungs und der Autokennzeichenliberalisierung auf die Gegend um Hofheim ja durchaus zu. Dann wäre es keine belanglose Koinzidenz, dass beides relativ gleichzeitig geschehen ist. In jedem Fall können beide Entwicklungen als eine Aufwertungsarbeit am ländlichen Raum gesehen werden: sozusagen als das rurale Gegenstück zu den „Gentrifizierungsprozessen“ in großen Städten wie Berlin, wo ich dies als Bewohner Neuköllns seit 18 Jahren gut beobachten kann. Allerdings gibt es einen wesentlichen Unterschied zwischen dem stark nachgefragten, städtischen Raum und dem auf den ersten Blick überhaupt nicht so schlecht da stehenden ländlichen Raum: die Dörfer und Kleinstädte der Haßberge sind von einer demographsichen Minusbilanz bedroht, und außerdem ist der gesamte ländliche Raum hinsichtlich der Vernetzung stark ins Hintertreffen geraten, worauf ich erst an anderer Stelle wieder eingehen werde.

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