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Frühling

Schlüsselblumenzeit (III)

Anmerkung: diese Absätze sind eine kurze Ergänzung zu den Beiträgen „Schlüsselblumenzeit“ vom letzten Jahr, die Teil des Frühlingskapitels der Acta Francorum werden. Es finden sich bestimmt Wiederholungen, die regelmäßige LeserInnen langweilen mögen. Das ganze wird aber noch überarbeitet, sobald das Kapitelmaterial „dicht“ ist. Vielleicht werde ich diesen Beitrag später in einen der vorangegangenen einpflegen und löschen.
Die erste selbst erlebte Katastrophe kam im letzten Kindergartenjahr. Heute, am 26.4.2021 ist das 35 Jahre her, und ich erinnere mich trotz meines geringen Alters noch ziemlich scharf umrissen an die Stimmung. Diese trat allerdings zeitversetzt ein, um sich erst allmählich zu einem Katastrophenbewusstsein auszuwachsen: kein Sandkasten, keine Pilze, kein Waldboden, kein Regen. Mehr Krebs, mehr Gudrun Pausewang, mehr Grüne Partei.
Der Nuklearunfall ereignete sich am 26. April 1986, als Anatoli Stepanowitsch Djatlow einen vollständigen Ausfall der externen Stromversorgung des Kernreaktors simulieren sollte. Hat nicht funktioniert. (Wikipedia) Seitdem war für mich immer klar, dass die nahe gelegenen Kühltürme des Atomkraftwerks Grafenrheinfeld, die man in unserer Gegend ständig erblicken konnte/musste, eine menschliche Fehlleistung symbolisierten, die direkt in unser System eingespeist waren.
Die Kühltürme galten zwar als „das AKW“, obwohl sie nur die Abwärme abbildeten. Sie waren das sichtbare Symbol des gesamten Reaktors und der gesamten Nukleartechnologie, und waren somit das Symbol unserer täglichen, systemischen Fehlleistung. Doch nicht für alle: die Gesellschaft (oder: unser System?) hat daraufhin bewiesen, wie sehr Menschen derselben oder immerhin eng verwobener Gesellschaften in der Lage sind, in ganz unterschiedlichen Wirklichkeiten (oder Wirklichkeitswahrnehmungen) zu leben. Die ganze Schulzeit hindurch gab es eigentlich immer Leute, die sich emotionalisiert für oder gegen Atomstrom aussprachen, wobei oft so getan wurde, als gäbe es keine eindeutige, richtige Seite.
Das wurde mir außerdem bewusst, als wir in der Schulzeit zum Austausch mit unserer französischen Partnergemeinde aufbrachen, die im drôme-provençalischen Tricastin liegt: einem der Orte mit der höchsten nuklearen Konzentration der Welt, wie die Gemeinde nicht ohne Stolz selbst betonte. Auf dem Weg in die Ardèche wollten sich meine Gasteltern unbedingt vor dem Rhônetal-Panorama fotografieren, wobei die Kühltürme ihres Arbeitsplatzes nicht zu verdecken waren. Über La Centrale gibt es übrigens einen Roman von Elisabeth Filhol, der nach Angaben ihres Verlags auch ins Deutsche übersetzt worden ist (und den ich noch nicht gelesen habe).
Eigentlich ging es bis zur Katastrophe von Fukushima für viele Menschen in erster Linie immer darum, das Problem als ein Problem der Anderen zu sehen: der Sowjets, Frankreichs, Tschechiens, genereller: „des Ostblocks“ — so lange es ihn gab, und es gab ihn noch lange nach der Wende, und war da nicht eh alles lumpig und marode? Dieser massenpsychologische Effekt findet sich auch in zeitgeschichtlichen Quellen: in der Mediathek von DLF kann man Radiosendungen aus dem Jahr 1986 nachhören, aus der Zeit direkt nach der Nuklearkatastrophe, da der verstrahlte Fallout schon über Skandinavien und Bayern niederging. Ich habe gestern eine Sendung gehört, da wurden die UdSSR-KorrespondentInnen gefragt, wie sich die öffentliche Meinung in der UdSSR zu Tschernobyl verhalte. Die Korrespondentin beschrieb, dass Zweifel an der Nukleartechnologie immer vernehmlicher würden, auch an der eigenen, und dass man vorher grundsätzlich davon ausgegangen war, dass so etwas nur im bösen Westen geschehen könne, weil die eigene Technologie sicher sei. Das erinnerte mich außerdem an eine Reportage, die ich einmal auf Arte gesehen habe: in ihr ging es um die völlig unterschiedliche Berichterstattung und Katastrophenbewusstsein in Frankreich und Deutschland. Es wurden Wetterberichte aus der Oberrheingegend gezeigt, deren linke Seite französisch, die rechte deutsch ist. Interessanterweise wurde nur ganz genau bis zur Flussgrenze des Rheins radioaktiver Niederschlag festgestellt. Linksrheinisch hörte er völlig abrupt auf.
Auch auf der Grundlage dieser Erfahrung und dieser Reaktionsmuster sollte man in der gegenwärtigen Pandemie nicht allzuviel erwarten, obwohl diese Katastrophe ja eher ein „Vorgeschmäckle“ auf die viel größeren, kommenden katastrophischen Veränderungen darstellt. Systemisch eingespeiste Fehlleistungen als systemische Fehlleistungen zu benennen, sollte man sich aber gerade deswegen nicht nehmen lassen, denn sie fallen uns allen sowieso auf die Füße: ob über den Lichtschalter, die Steckdose und die zusammenbrechende Stromtechnologie; ob im Glauben an die Wachstumsideologie und die Opferung nicht-menschlicher Lebensräume an diese Fehlleistung.
„Das ist alles zu komplex“ und „Ich verstehe die Welt nicht mehr“ zählen nicht als Ausrede. Alles ist erklärbar. Man muss es nur den Kindern und ganz besonders den Erwachsenen vermitteln. Aber wir leben in keiner „Bildungsrepublik“, sondern in einer systemischen Karriereschmiede. Und weil jetzt die unterschiedlichen Wirklichkeiten nicht mehr ohne lautes Geknirsche als wie auch immer widersprüchliches System über die fatalen Fehlleistungen hinweg täuschen können, und da ein Teil der sicher geglaubten Bildungswege abgewertet werden wird, ist das Geschrei jetzt natürlich sehr groß.
Mein persönliches Motto lautet deswegen jeden Morgen:
Die Grünen sind nicht grün genug.
Hört auf die Freitagskinder, denn die haben noch Instinkte.
Literatur-Empfehlung:
Filhol, Elisabeth (2020): La Centrale. Paris: P.O.L. éditeur.

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