Neue Heimat & Sachlichkeit

Bevor Heimat in meiner eigenen Wahrnehmung zu einem belasteten und schwierigen Begriff geworden ist, mit dem ich mich in den Acta Francorum jedoch herausgefordert sehe, neu auseinanderzusetzen, kannte ich den Begriff vor allem unter der Bezeichnung des Schulfachs „Heimat- und Sachkunde“ (vgl. Beitragsskizze). Ausgehend von dieser zwischenzeitlich fast vergessenen Bezeichnung entwickle ich in den Acta Francorum den Begriff der Neuen Heimat und Sachlichkeit. Darin stecken zwei Aspekte, die ich in den folgenden Absätzen skizzieren will: [1] Die Neue Heimat, die emotional aufgeladen bleiben darf, und [2] die Sachlichkeit, mit der die Heimat zur Neuen Heimat hin versachlicht werden sollen.

1. Die Neue Heimat

Darunter ist nicht in erster Linie die bereits annotierte „Heimatlichkeit“ gemeint, obwohl es um diese auch geht — zum Beispiel in der Herstellung von Heimatlichkeit im Mundart-Theater, wo ein überzeichneter Dialekt gepflegt wird. Die Formulierung der Neuen Heimat ist das Postulat, dass Zugehörigkeit als Beheimatetsein in der Welt und Sein in der Welt für alle Menschen offen stehen muss. Ich gehe davon aus, dass Menschen immer danach streben — denn „der Mensch ist immer irgendwo“ (Ernst Bloch) — eine Bindung zu einem oder mehreren Orten einzugehen, und dass diese Orte nicht zwangsläufig das Leben hindurch identisch sein müssen. Ich beziehe mich hier vor allem auf die Gedanken zu Heimat bzw. den Heimaten in Das Prinzip Hoffnung, die Ernst Bloch 1938-1947 im US-Exil verfasst hat.1Veröffentlicht 1959 bei Suhrkamp.

Bloch verstand unter Heimat zum einen einen „Ort, an dem noch niemand war“ — eine Utopie2Das griechische Wort Utopie bedeutet in diesem Sinne wörtlich „Ort (Topos), der nicht ist“. — der aber „allen in die Kindheit scheint“. In diesem Zusammenhang sieht er die Heimat der Kindheit als einen Ort des Ineinanders von Abenteur und Geborgenheit, und unterscheidet zwischen einer ersten, zweiten und dritten Heimat. Niemand könne in der ersten Heimat bleiben, so Bloch, wobei der Umgang mit dem Ort der ersten Heimat unterschiedlich sein könne: die einen „müssen fort“, während die anderen bleiben, um zu bauen. Heimat werde als ein Ort der Ordnung verstanden, wo alle ihre Rolle wüssten, weshalb idealtypisch auch das archaische Dorf zuvorderst als Heimat vorgestellt werde: hier gibt es einen Schmied, einen Müller, einen Bader, usw.

Natürlich erscheint das archetypische Dorf heute als Konzept hinfällig — auch im ländlichen Raum. In den weiteren Ausführungen werde ich diskutieren, inwieweit sich Ernst Blochs und anderer Autorinnen Gedanken zu Heimat als Oikonomia — als Ort der Haushaltsführung (daher: Ökonomie), des Prozesses und des Miteinanders — dennoch eignen, um das Konzept einer Neuen Heimat zu skizzieren: vielleicht gerade dort, wo man es am wenigsten erwarten würde, nämlich im ländlichen Raum.

2. Sachlichkeit

Mit der Forderung, die emotional-affektiv aufgeladene Kategorie Heimat durch Sachlichkeit zu ergänzen, knüpfe ich zunächst an Susanne Scharnowskis Buch Heimat: Geschichte eines Missverständnisses (2019)3Scharnowski, Susanne (2019): Heimat: Geschichte eines Missverständnisses. Darmstadt: wbg Academic. an, wo die Autorin die Begriffsgeschichte kundig bis in die Romantik nachzeichnet (wo sie sich bestens auskennt), aber auch in die Kaiserzeit, in die Nazizeit, in das kitschige Genre Heimatfilm — sowie zur Vorstellung der angeblichen Einzigartigkeit des deutschen Wortes Heimat, zu Heimat als Gefühl und Nostalgie und schließlich zur Forderung nach einem „kosmopolitischen Provinzialismus“.

Ich diskutiere im Anschluss daran einige weitere, ebenso wichtige Stellungnahmen aus demselben Erscheinungszeitraum zum Thema Heimat, die zum Beispiel im Sammelband Eure Heimat ist unser Albtraum (herausgegeben von Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah) aufgetaucht sind. Dort wird der Begriff Heimat zwar einerseits teilweise oberflächlich skandalisiert — andererseits werden unter den vierzehn Beiträgen aber auch tiefgründige und wichtige Probleme offengelegt, die unbestreitlich existieren: nämlich die Exklusivität der „Alten Heimat“ (eigene Formulierung) für eine Gesellschaft, die oft entweder als postmigrantisch oder kosmopolitisiert bezeichnet wird.

Wie Susanne Scharnowski als Kennerin der deutschen Romantik feststellt, fangen die Missverständnisse über den Heimatbegriff in Deutschland bereits mit einer völlig verzerrten Wahrnehmung der Romantiker an. Diese hätten angeblich, so eine weitverbreitete Ansicht, die Heimat als enges Konzept überhaupt erst aufgebaut, von wo aus eine mehr oder weniger direkte Linie in die Nazizeit führe: „Aus der Heimat kommt der Faschismus“, so lautete eine verbreitete Lehrmeinung, insbesondere ab den 1970ern.

[IN ÜBERARBEITUNG]