Warum es auf den ländlichen Raum ankommt

Ich bin nicht davon überzeugt, dass große Städte und zentralistische Regierungen das Organisationsmodell der Zukunft sind. Ich argumentiere im folgenden [1] stattdessen dafür, die Zukunft als grundsätzlich abgeflachtes, horizontales Netzwerk zu visieren. Danach [2] wäre noch einmal zu beschreiben, was ich hier unter Franken bzw. dem Francorum verstehe, nämlich das nördliche Unterfranken. Drittens [3] werde ich noch einige Themen exponieren, die zeigen, warum es unbedingt Sinn macht, sich mit den Herausforderungen der Gegenwart im ländlichen Raum zu konfrontieren, wo sie sichtbarer sind als im urbanen Raum.

1. Das Organisationmodell der Zukunft ist horizontal

Meine Erfahrung mit großen Städten erstreckt sich vor allem auf Berlin, Istanbul und Paris — unter denen Istanbul die schlagendsten Argumente gegen das Konzept der vertikal organisierten Megacity liefert. Dort habe ich insgesamt mehrere Jahre gewohnt und städtische Nachbarschaften von Einwanderern erforscht. Dabei ging es mir zwar nicht vordergründig um eine Diskussion der politischen Organisation der Stadt, doch deren alltägliche Auswirkungen machen sich natürlich auf Schritt und Tritt bemerkbar: das fängt schon damit an, dass in Istanbul das Wasser aus der Leitung nicht trinkbar ist. Immer wieder ist außerdem die Rede davon, dass der Stadt das Wasser noch komplett ausgehen könnte, was natürlich eine Katastrophe wäre, und wozu die Zerstörung der Nordwälder für immer neue Bauprojekte nicht förderlich ist. Auch Parks zur Erholung stehen den wenigsten Bewohnerinnen zur Verfügung, die deshalb gerne mit einer der Fähren über das kleine Binnen-Marmarameer auf den Prinzeninseln Erholung suchen.

Im Juni 2021 haben Meeresbiologen jedoch erklärt, dass das Marmarameer durch die menschliche Belastung und die Erwärmung gekippt sei: ein giftiger Algenschleim breitet sich aus und senkt sich auf die Schicht der Bewohnerinnen des Meeresbodens, wie den Muscheln, die zu den alltäglichen Delikatessen der Stadt gehören. Gleichzeitig habe ich während meiner Forshcungsaufenthalte das in jeder Hinsicht grenzüberschreitende Gebahren eines unfreiheitlichen, zentralistischen Regimes beobachtet, das den weiteren Ausbau der Megacity immer weiter vorantreibt — trotz der Umweltschäden. Dies hat damit zu tun, dass die „Organisationsform Türkei“ undemokratisch, hierarchisch und extrem vertikal ist. In der vertikalen Form der Entscheidungsfindung fußt das dortige Regime zu beträchtlichem Ausmaß auf dem Bausektor, dessen Profite eines der Fundamente vertikaler Macht bilden. Millionen von Menschen, die sich womöglich anders organisieren wollen würden, werden in den Prozess nicht einbezogen.

Blick von einer der Marmarafähren nach Büyük Ada auf Istanbul, wo während meiner Feldstudien 2015 das Ziel der Stadtplanung darin bestanden zu haben scheint, alles zuzubauen. (Foto: Thomas Schad)

Seit 2002 habe ich meinen festen Wohnsitz in Berlin, was auch eine große Stadt ist — wenn auch weit entfernt von den Ausmaßen einer Megacity. Auch wenn Berlin durch das viele Grün und die riesigen Parks eine viel höhere Lebensqualität als viele andere Großstädte hat, gebe ich jedoch gerne zu: ich bin sehr dankbar dafür, dass ich die Hälfte des letzten Jahres auf dem Land verbringen durfte. Im Gegensatz zu meiner Pariser Freundin, mit der ich in den Lockdowns viel mehr als sonst kommuniziert habe, stellten wir fest, dass Berlinerinnen ihre Wohnungen (die in der Regel größer sind als in Paris) allerdings die ganze Zeit über verlassen durften.1Wenn man einmal von den nächtlichen Ausgangssperren Anfang 2021 absieht, die jedoch im winterlichen Berlin gut verkraftbar waren. Eine zeitlang nahmen wir uns vor, einen gemeinsamen Text zu schreiben, in dem L., die Pariserin, über Deutschland schreibt, und ich, der Berliner, über Frankreich.

Den Text haben wir nicht fertiggestellt. Doch beim Betrachten der Reden des französischen Präsidenten an die französische Öffentlichkeit, im Austausch mit der in ihre Wohnung gesperrten L. und beim Verfolgen der viel krasseren französischen Inzidenzzahlen ist mir vor allem eines aufgefallen: man sagt nicht umsonst, Frankreich sei ein zentralistischer Staat, wo Paris das eindeutige Machtzentrum darstellt. Trotz des späteren deutschen Impfdesasters wurde letztes Jahr immer wieder vermutet, dass der vergleichsweise glimpfliche Verlauf der Pandemie in Deutschland auch mit der flacheren, dezentraleren Organisationsstruktur des Landes zusammengehangen habe: Deutschland ist bekanntlich — im Gegensatz zur höchst-präsidentiellen Türkei oder zum semi-präsidentiellen Frankreich — nicht zentralistisch, sondern föderal organisiert.

Diese Beobachtungen sollen keine Lobhudelei Deutschlands auf Kosten anderer Länder sein. Ich stelle lediglich fest, dass wirklich sehr wenig dafür spricht, dass die Kombination von Großstadt, Zentralismus und vertikalen Organisationsstrukturen besonders clever und smart sind: sie sind wahrscheinlich genau das Gegenteil. Ist nicht auch die Funktionsweise des Internets, unseres World Wide Web, trotz aller Möglichkeiten zur Überwachung und des Missbrauchs im Kern darauf angewiesen, als möglichst weitmaschiges, horizontales Netz zu funktionieren? Und sind nicht auch Wettersysteme, der Jetstream, die Nordpolardrift, der Golfstrom, Flusssysteme oder Waldböden im Großen und Ganzen betrachtet horizontal, also flach organisiert? Es bedarf keinerlei großer Relevanzerklärungen, warum wir uns über die Beschaffenheit und den Zustand dieser Systeme Gedanken machen müssen.

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Visualisierung eines Teils des Internets. Quelle: The Opte Project, CC BY 2.5 https://creativecommons.org/licenses/by/2.5, via Wikimedia Commons

Natürlich handelt es sich bei meinem Postulat, die Zukunft müsse horizontal und als Netzwerk organisiert sein, um eine streitbare These, die außerdem auch normativ ist: Oft wird argumentiert, China stelle womöglich ein nichtdemokratisches Erfolgsmodell dar, das in seiner vertikalen Machtstruktur vielleicht auch Probleme wie den Energiewandel und Pandemien besser in den Griff bekommen könne. Ich bin davon jedoch erstens nicht überzeugt, und zweitens denke ich, dass wir gerade angesichts dieser freiheitsabgewandten „Erfolgsmodelle“ eine vertiefte Arbeit an wissenschaftlich begründeten, überzeugenden Ideen für eine horizontal organisierte, demokratische Zukunft benötigen. Die Probleme der Erde als ein gesamter Ort mit zusammenhängenden Problemen sind zu komplex, als dass sie ein großer Mann oder eine mehr oder weniger enge Regime-Clique mit destruktiven Eigeninteressen (wie in der Türkei) überblicken und lösen könnten.

Aus diesem Grund interessiert es mich besonders, wie sich das oft unterschätzte Potenzial des ländlichen Raums eigentlich entwickelt: denn auch wenn Städte zweifellos eine große Rolle als Machtknotenpunkte spielen, so ist der ländliche Raum dennoch das „Dazwischen“, auf das es ankommt. Dort wachsen die Pflanzen — wie im Francorum Mais oder Raps — aus denen Energie gewonnen wird. Und auch die riesigen Ställe, in denen massenhaft Tiere gehalten werden, stehen nicht in den Städten. Auf dem Land befinden sich unsere letzten Wälder — eigentlich Forste — und Naturräume, an denen die Auswirkungen des Klimawandels sichtbarer sind als in den Baulandschaften der Innenstädte. Wie meine Beobachtungen im Francorum jetzt schon zeigen, zeichnen sich dort womöglich gerade einige zukunftsweisende Entwicklungen ab, die bei einer dauerhaften Konzentration auf urbane Kontexte übersehen werden können. Doch was heißt eigentlich „Francorum“? Dies will ich im folgenden Absatz genauer skizzieren.

Im Jahr 2004 blicke ich mit gemischten Gefühlen auf Franken, hier Würzburg. (Foto: Erandy Luiz Mota da Silva)

2. Ort und Geographie

Das Francorum ist ein Kunstwort lateinischer Herkunft, das ansonsten nicht verwendet wird. Es ist eigentlich der Genitiv (Plural) der lateinischen Bezeichnung „Franci“ für „die Franken„. Er hat sich über den Titel Acta Francorum eingeschlichen, und ich verstehe darunter [2.1] einerseits aus geographischer Hinsicht den nördlichen Teil des heutigen Regierungsbezirks Unterfranken in Bayern, sowie Teile des südlichen Thüringens. [2.2] Andererseits, aus sozialer Hinsicht, betrachte ich es als Geflecht von geschichtlichen und gegenwärtigen Beziehungen zwischen Menschen. Drittens [2.3] begründe ich die Wahl dieses geografisch-sozialen Raums als Grundlage für die Acta Francorum mit einigen Besonderheiten, die dieses Gebiet besonders geeignet erscheinen lassen, sich den Themen der Acta Francorum zuzuwenden. Ich muss natürlich gleich hinzufügen, dass diese Begründung eine ex-post-Begründung für die Wahl des Raums darstellt — denn die Wahl war vor diesem Text bereits getroffen und hat mit meinen persönlichen Bezügen zu tun, wie bereits dargestellt.

Auf dem Kreuzberg in der Rhön, Sommer 2017 (Foto: Thomas Schad)
2.1 Geographische Aspekte des Francorums

Räumlich betrachtet liegen die Geschichten des Francorums hauptsächlich im nördlichen Unterfranken (und zu geringeren Teilen im südlichen Thüringen):

  • Im Nordwesten im vulkanischen Mittelgebirge der Rhön, in den unterfränkischen Landkreisen Bad Kissingen und Rhön-Grabfeld, angrenzend an die hessischen Landkreise Fulda und Main-Kinzig sowie den thüringischen Landkreis Schmalkalden-Meiningen (der fränkisch geprägt ist),
  • Im Nordosten im Landkreis Haßberge, wo die meisten der Geschichten der Acta Francorum angesiedelt sind. Dort ziehen sich die niedrige Kette der Haßberge und ihres Schwestergebirges Steigerwald bis östlich in den oberfränkischen Landkreis Bamberg. Der Landkreis Haßberge grenzt nördlich an den thüringischen Landkreis Hildburghausen, der wie Schmalkalden-Meiningen und Sonneberg ebenso fränkisch geprägt ist,
  • In der Mitte und im Süden erstreckt sich das Francorum in den Landkreis und die Stadt Schweinfurt, wohin viele der Personen aus dem Francorum enge persönliche Bezüge haben, weil sich dort die (Geburts-)Krankenhäuser, die wichtigsten Arbeitsstätten sowie Einkaufsmöglichkeiten und Kulturangebote befinden.
Eine alte Sandsteinfassade in Hofheim i. Ufr., Sommer 2017 (Foto: Thomas Schad)

Wie die ältere Architektur im Francorum zeigt, die sich lokal verfügbarer Baumaterialien bediente, liegt der größte Teil des Francorums im fränkischen Keuper-Lias-Land, für das besonders Sandstein prägend ist (in den leicht zugänglichen, oberen Schichten). Die Mittelgebirge jenseits der Rhön sind flach, die Laubmischwälder werden von der Buche dominiert. Die Rhön ist vulkanischen Ursprungs, weshalb hier Basaltgestein prägend ist. Sie ist das höchste Mittelgebirge Unterfrankens, deren Gipfel bei knapp unter 1000 Meter liegen (Dammersfeldkuppe 927,9 m, Kreuzberg 927,8 m). Bis auf Schweinfurt ist der gesamte Raum sehr ländlich geprägt, mit Dörfern, die bald nur aus wenigen hundert Einwohnern bestehen, bald aber auch recht groß sein können. Es finden sich zahlreiche Kleinstädte wie Hofheim in Unterfranken, Ebern, Eltmann, Zeil am Main, Haßfurt, Bad Brückenau, Bad Königshofen, oder Königsberg in Bayern (u.v.a.). Das schon seit frühester Stunde industriell geprägte Schweinfurt ist die wichtigste Industriestadt Nordbayerns und wird vom Main durchflossen, kurz bevor dieser sein Dreieck und sein Viereck fließen wird. Weitere Städte, um die es weniger gehen wird, sind der international bekannte Kurort Bad Kissingen und Bad Neustadt an der Saale.

Daten von OpenStreetMap – Veröffentlicht unter ODbL

2.2 Das Francorum als Beziehungsgeflecht (Figuration)

Zuvorderst muss ich betonen, dass mir nichts ferner liegt, mit den Acta Francorum eine ethnographische Studie über eine bestimmte, einheitlich vorgestellte Volksgruppe namens „die Franken“ oder „die Unterfranken“ oder dergleichen zu beschreiben. Ich arbeite zwar neben dem freien, essayistischen Schreiben mit ethnographischen und anthropologischen Methoden — doch genau diese Methoden zeigen eines: die Menschen dieses ländlichen Raums sind überhaupt nicht so einheitlich, wie eine Fahrt mit dem Auto durch die insgesamt alt und traditionell wirkenden Dörfer erst einmal vermuten lassen würde. Das heißt natürlich nicht, dass es keine traditionelle, fränkische Kultur gäbe oder dass ich sie ignorieren werde: vielmehr bedeutet das, dass sich diese als Prozess und Geflecht von zwischenmenschlichen Beziehungen verändert, und dass sie nicht als festes, abgeschlossenes Konzept einer In-Group zu verstehen ist, von der Andere grundsätzlich ausgeschlossen sind — auch wenn es natürlich, wie überall, Etablierte und Außenseiter gibt.2Elias, Norbert and Scotson, John L. (2013): Etablierte und Außenseiter. Suhrkamp Verlag, Berlin.

Die irreführende Vorstellung einer grundsätzlichen „Einheitlichkeit“ der ländlichen Bevölkerung löst sich außerdem sofort auf, wenn man sich die konfessionell-religiöse Struktur in der Vergangenheit (wie in den Herbstbeiträgen über das Landjudentum), die beträchtlichen Flucht- und Arbeitsmigrationen des 20. Jahrhunderts (z.B. in den Frühlingsbeiträgen der Schlüsselblumenwiese), die Arbeiterschaft Schweinfurts oder auch Klassenfotos heutiger Grundschülerinnen ansieht.3Das ist mir aufgefallen, als ich das Klassenbild meines Neffen in der Hand hielt, der in Berlin geboren wurde, aber im Kleinkindalter ins Francorum gezogen ist, wo er zur Grundschule geht. Da er Afrodeutscher bzw. Schwarz ist, hatte seine Mutter in Erinnerung an die eigene Schulzeit die Befürchtung, er werde stark auffallen unter ansonsten ausschließlich Weißen Kindern. Doch in der Zwischenzeit waren viele Menschen aus allen möglichen Weltgegenden auch ins Francorum gezogen, und so fällt er eigentlich gar nicht so stark auf — weder äußerlich, noch namentlich, denn sehr viele Mitschülerinnen tragen nichtdeutsche Namen, ohne äußerlich von der sogenannten Mehrheitsgesellschaft aufzufallen. Wie ich unter Umsetzung noch genauer theoretisch veranschaulichen werde, bin ich in dieser Herangehensweise an eine Gesellschaft, die nicht primär von ihrem So-Sein, sondern von ihrem Zwischen-den-Menschen ausgeht, besonders von Norbert Elias‘ Figurationssoziologie inspiriert. Während Geschichten über die Diversität bzw. Superdiversität von (westdeutschen) Städten inzwischen Gemeinplätze sind, wird dem ländlichen Raum vergleichbares selten zugetraut — wofür es natürlich auch Gründe gibt.

Buchen in der Rhön, aufgenommen im Mai 2020 (Foto: Thomas Schad)
2.3 Besonderheiten des Francorums

Der ländliche Raum wurde und wird oft als „rückständig“ empfunden — auch von seinen Bewohnerinnen selbst, die es unter dem Begriff der Landflucht grundsätzlich eher in die Städte zog als umgekehrt.4Der umgekehrte Vorgang existiert natürlich auch und wird als Stadtflucht bezeichnet. Dies hat natürlich mit der Logik der Industriegesellschaften zu tun, da sich städtische Räume dort verdichtet haben, wo es Arbeitsplätze in der Industrie mit ihren Fabriken gab. Heute ist es in Deutschland leider tatsächlich auch so, dass die digitale Infrastruktur gerade auf dem Land stark vernachlässigt ist. Doch das Francorum bietet einige Besonderheiten, die zum einen erklären können, warum bis in die 1990er Jahre tatsächlich von einer „Randständigkeit“ der Gegend gesprochen werden kann — und zum anderen lagern hier auch Stories über Ideen und Versuche, sich mit den Herausforderungen unserer Zeit auseinanderzusetzen. Und auch die Geschichte der Dörfer hat Themen auf Lager, die der Vorstellung einer monotonen Einheitlichkeit widersprechen. Folgende Besonderheiten seien hier kurz genannt:

  • Die Lage im ehemaligen Zonenrandbezirk am Eisernen Vorhang,
  • Die traditionelle, konfessionelle und religiöse Uneinheitlichkeit mit den Hauptgruppen der römisch-katholischen, evangelisch-lutheranen und jüdischen Fränkinnen,
  • Die besondere geschichtliche Rolle des reichsunmittelbaren Landadels,
  • Die durchgehende Ländlichkeit und die Agrarstruktur,
  • Die Lage in einem der trockensten Gebiete Deutschlands.
Die Grabsteine des Jüdischen Friedhofs in Kleinsteinach (Gemeinde Riedbach, Landkreis Haßberge) blicken nach Osten, wo auch das Dorf liegt. Aufgenommen im September 2020 (Foto: Thomas Schad).

3. Die globale Meta-Katastrophe im lokalen Kontext: das Klima

Alle Probleme der Gegenwart und der Zukunft — auch die noch sehr präsente Covid19-Pandemie — haben auf die ein oder andere Weise mit der Klimakatastrophe zu tun. Deshalb bezeichne ich diese als Meta-Katastrophe, die vielen anderen, möglichen Katastrophen übergeordnet ist. Ausgenommen sind erdklimaunabhängige Katastrophenereignisse wie Erdbeben, Sonnenstürme, Meteoriteneinschläge etc., obwohl auch diese eng mit dem Erdklima in Zusammenhang stehen. Wie immer wieder betont wird, ist die Erdklimakatastrophe menschengemacht, weshalb einige Sozial- und Geisteswissenschaftlerinnen inzwischen den Begriff des Anthropozän als geochronologische Epoche (vgl. Paläozän, Mesozän, etc.) verwenden. Die Schritte, welche die Menschen gegangen sind, quasi um sich selbst als Zeitalter einzuleiten, hat der Soziologe Ulrich Beck (gest. 2015) als beständige Produktion von Risiken oder Risikofaktoren bezeichnet.

Holzquarantäne, aufgenommen im Herbst 2020 (Foto: Thomas Schad)

Beck hat in seinem zeitgeistigen Buch Risikogesellschaft, das im Jahr der Tschernobyl-Katastrophe (1986) erschienen ist, beobachtet, wie sich die alte Industriegesellschaft in etwas neues, anderes verwandelte — eine „zweite Moderne“.

In der fortgeschrittenen Moderne geht die gesellschaftliche Produktion von Reichtum systematisch einher mit der gesellschaftlichen Produktion von Risiken. Entsprechend werden die Verteilungsprobleme und -konflikte der Mangelgesellschaft überlagert durch die Probleme und Konflikte, die aus der Produktion, Definition und Verteilung wissenschaftlich-technisch produzierter Risiken entstehen.

Beck, Ulrich (1986): Risikogesellschaft: Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt a.M.: Suhrkamp Taschenbuch, S. 25.

Tschernobyl bzw. die Atomenergie waren dabei gar nicht sein Hauptaugenmerk — haben aber seine Thesen bestätigt, denn auch die zivile Nutzung der Atomenergie bedeutet in erster Linie eine Produktion von Risiken. Die Meta-Katastrophe des Klimawandels, die permanent an jedem Ort der Erde bis hinein in jede Kiemenspalte und Hautpore stattfindet, ist der vorläufige Höhepunkt der Risikoproduktion, wobei die Betonung auf vorläufig liegt. Beck unterschied zwischen der Logik der Produktion von Reichtum, die zwar mit der Logik der Risikoproduktion verwachsen ist und diese hervorbringt, aber grundsätzlich andere Ausmaße hat: Während bei der Produktion von Reichtum zwischen arm und reich unterschieden wird, ist dies bei der Risikoverteilung ganz anders, insbesondere bei der Verteilung von Schadstoffen.

Natürlich sind die Auswirkungen der kommenden Überflutungen voraussichtlich ganz andere im Golf von Bengalen, wo sehr arme Menschen leben, die sich unproportional weniger an der Produktion von Risiken hinsichtlich der eigenen Industrialisierung beteiligt haben, als etwa die Bewohner der Niederlande, die auch stark von den Überflutungen betroffen sein werden. Dennoch handelt es sich „nur“ um eine Frage, wie gut sich die Menschen im Einzelnen schützen können (oder nicht) — und nicht um ein reales Aufhalten des Schadens. Dasselbe gilt für den atomaren Fallout nach den Nuklearkatastrophen von Tschernobyl oder Fukushima (2011): sind einmal nicht-eindämmbare Systeme wie Wasser und Luft von den Schadstoffen erreicht, sind sie außer Kontrolle. „Jeder hat etwas davon“, könnte man zynisch sagen, ob arm oder reich.

An dieser Stelle in Würzburg wachsen Palmen, die zwar bestimmt im Winter geschützt werden müssen, aber dennoch als Hinweis auf das wärmere Klima gesehen werden können. Auch an anderen Stellen im Francorum sind jetzt immer häufiger Pflanzen zu sehen, die dort früher nicht wuchsen, zum Beispiel Kiwis oder Säulenzypressen. Aufgenommen im Sommer 2017 (Foto: Thomas Schad)

Im Francorum wirkt sich laut Amtsblatt der Regierung von Unterfranken vom 21. Dezember 2020 der Klimawandel besonders hart aus. Die Gegend gelte bereits heute als Trockenregion Bayerns, und besonders die Situation des Grundwassers, der Wälder, der Landwirtschaft und des Weinbaus bereite Sorgen. Wer durch das Francorum fährt, sieht dies mit Blick auf die Wälder sofort: immer wieder taucht das dürre, nicht-grüne Totholz der Koniferen und anderer Waldbewohner im Blickfeld auf. Bereits in den 1980er Jahren war das Waldsterben ein großes Thema der Öffentlichkeit, wenn auch damals hauptsächlich aufgrund des sogenannten sauren Regens — wie Becks Risikogesellschaft in Erinnerung ruft. Und auch damals war klar, dass das lokale Waldsterben mit dem globalen in direktem Zusammenhang steht:

Auch die Wälder sterben schon viele Jahrhunderte lang — zunächst durch ihre Verwandlung in Äcker, dann durch rücksichtslose Abholzungen. Aber das heutige Waldsterben erfolgt global, und zwar als implizite Konsequenz der Industrialisierung — mit völlig anderen sozialen und politischen Konsequenzen. Davon sind z.B. auch und gerade waldreiche Länder (wie Norwegen und Schweden) betroffen, die selbst kaum über schadstoffintensive Industrien verfügen, aber die Schadstoff-Bilanzen anderer hochindustrialisierter Länder mit sterbenden Wäldern, Pflanzen- und Tierarten bezahlen müssen.

Beck, Ulrich (1986): Risikogesellschaft: Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt a.M.: Suhrkamp Taschenbuch, S. 28.

Wie Beck immer wieder und zurecht feststellt, kann der Einzelne nichts gegen ein Phänomen wie einen Schadstoff in der Luft mehr tun, sobald die Katastrophe ausgebrochen ist. Warum sollte also die kleinteilige, lokale Perspektive des ländlichen Raums hier von besonderer Relevanz sein? Die Relevanz wird deutlich, wenn man sich vor Augen führt, dass eine demokratisch organisierte Gesellschaft darauf angewiesen ist, dass jede Einzelperson versteht, welche Dynamik hinter der Klimakatastrophe steht, und welche Risiken es also gilt, abzubauen. Das heißt zwar nicht, dass man dem Trugschluss aufsitzen sollte, man würde die Welt retten, indem man für sich alleine schon einmal das Richtige tut und aufhört, Fleisch zu essen oder Verpackungsmüll einzukaufen. Das bedeutet aber, dass eine systemische Lösung nur funktionieren kann, wenn die Idee zur Lösung von möglichst vielen Menschen mitgetragen wird. Deswegen und in diesem Sinne wollen die Acta Francorum ein starkes, hoffentlich gut lesbares Plädoyer für klimaneutrale Veränderungen sein: indem am lokalen, konkreten Beispiel das globale, große Ausmaß der Meta-Katastrophe verstanden wird.