Idee & Hintergrund

Die Acta Francorum sind ein sehr persönliches Projekt. Mit großer Begeisterung habe ich im Jahr 2016 Didier Eribons Rückkehr nach Reims gelesen, von dem schwer zu sagen ist, ob es ein wissenschaftliches Buch, eine autobiographische Reflexion, oder beides zugleich ist: einerseits lässt uns der Autor gesamtgesellschaftlich relevante Zusammenhänge wie Rechtsruck, Klassenattitüde und Homophobie verstehen — andererseits ist es eine äußerst persönliche Rückreise in die eigene Herkunft, den Geburtsort und die Familie. Für mich war der von Eribon verwendete, gemischte Stil des Personal Essays eine Offenbarung: genau diese Form des denkenden Schreibens ist meine Komfortzone!

Der Titel Acta Francorum stammt ganz unverkennlich aus der Theatersprache. Das hat damit zu tun, dass das Theaterstück Der Faschingsmuffel des Laien-Ensembles Die Fahrenden Gaukler ausschlaggebend für die Entscheidung war, dieses Blog- und Buchprojekt zu schreiben. Das Stück habe ich am 02. 02. 2020 in meinem Herkunftsdorf Friesenhausen besucht. Die Idee konkretisierte sich während des Verfassens eines Blog-Beitrags, von dem ich eigentlich nicht plante, dass daraus noch einmal etwas größeres werden könnte. Doch während des Schreibens über eine echte Theaterbühne und ihr Umfeld stellte ich fest, dass der fiktive Text des Theaterstücks zahlreiche Möglichkeiten eröffnet, Verbindungen zur Welt außerhalb der Bühne herzustellen: auch die nicht-fiktionale Wirklichkeit, Erinnerungen und Entwicklungen können über Figuren, Rollen und Stories beschrieben werden. Diesen Ansatz, mit dem ich vorher schon in einem anderen Kontext gearbeitet habe, erläutere ich etwas ausführlicher in der Einleitung.1Der Ansatz, über die soziale Welt figurativ zu schreiben, ist in der Soziologie als Figurationsanalyse bekannt und wurde hauptsächlich von Norbert Elias geprägt. Ich habe mit diesem Ansatz in meiner Dissertation gearbeitet, wo ich eine sogenannte kommunikative Figuration zwischen Bosnien und der Türkei erfasst habe, wobei dort keine echte Theaterbühne vorkam (sondern u.a. türkische TV-Serien, die auf dem Balkan populär sind und geschichtliche Themen behandeln). Vgl. Elias, Norbert (2014): Was ist Soziologie? Bad Langensalza: Beltz Juventa sowie Ders. (1997): Über den Prozeß der Zivilisation: Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen (Band 1 und 2). Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Als Historiker, der seit genau zwanzig Jahren nicht mehr in Franken gewohnt hat, hatte ich mich bisher immer mit Südosteuropa und Anatolien beschäftigt (genauer unter Autor): doch das hieß ja keinesfalls, dass ich keine Personal Essays über Franken schreiben könnte, wohin ich regelmäßig fahre und wo ich mich in den letzten Jahren oft auch für längere Zeit aufhalte. Wer in den Acta Francorum aber eine allumfassende Geschichte Frankens sucht, wird enttäuscht sein: es geht um eine Selektion persönlich gewichteter Themen, die meistens in Erinnerungen wurzeln und dadurch sowohl geschichtliche, als auch zeitgenössische und in die Zukunft gerichtete Bezüge herstellen. Dabei ist die Zusammenstellung der Themen zwar selektiv, aber nicht beliebig, wie unter Aufbau genauer erklärt.

Ich nutze die Möglichkeit des Rückblicks auf einen längeren Zeitraum bis in die 1980er Jahre — aber auch die Effekte der Entfremdung, der (Rück-)Reise und der Reiseeindrücke.2Unter Rückreise und Reiseeindrücke verstehe ich nicht unbedingt dasselbe: Bei der Rückreise kann es sich um eine eher innere Rückreise an die Orte der eigenen Vergangenheit handeln, ohne diese tatsächlich bereisen zu müssen — auch wenn es den Autor beim Schreiben natürlich oft dorthin drängen mag. Ein sehr bekanntes Beispiel für diese Form der persönlichen Rückreise bietet Didier Eribons Rückkehr nach Reims, das mich sehr beeindruckt und tief berührt hat. Darin gelingt es dem Autor, so persönliche Themen wie Ausgeschlossensein aufgrund der normabweichenden, sexuellen Orientierung, Scham und Entfremdung von der Familie mit gesamtgesellschaftlich relevanten Fragen zu verbinden: wie die Entwicklungen in seiner eigenen Biographie — er nennt den eigenen Aufstieg in das Pariser Intellektuellenmilieu auch Klassenverrat — zum Beispiel mit dem Bedeutungsverlust der französischen Linken in einem Arbeitermilieu zusammenhängen, wo nun hauptsächlich rechts gewählt wird. Bei den Reiseeindrücken hingegen handelt es sich um jene kostbaren Momente, die entstehen, wenn ich „handlungsentlastet“ (und am besten offline) in einem Zug oder Überlandbus sitze und auf die Landschaft blicken kann. Das Genre der gemischten, essayistischen Rückreise-Literatur hat in den letzten Jahren Auftrieb erfahren, zum Beispiel auch mit Saša Stanišićs Buch Herkunft. Mehr dazu Knipphals, Dirk: Aktuelle Romane über Rückkehr: Mit schwerem Gepäck, in: taz vom 2.6.2020 (Link). Darüber beschreibe ich Entwicklungen und Tendenzen — z.B. die Energiewende, die Rolle der Religion, das Ansehen des ländlichen Raums in den öffentlichen Meinungen etc. — als längere Prozesse, welche die gesamte Gesellschaft betreffen. Wer heute über die Gesellschaft schreibt, schreibt aufgrund der globalen Verwobenheiten quasi zwangsläufig über eine globalisierte Gesellschaft, weshalb ich besonders jene Themen fokussiere, die von globaler Relevanz sind. Diese spiegle ich aber stets am lokalen, konkreten Beispiel des ländlichen (Unter-)Frankens: so lässt sich der Klimawandel als globales Phänomen am lokalen Zustand der Wälder des Francorums3Warum ich von Francorum auch als räumliche Kategorie schreibe und wie ich es genauer verorte, beschreibe ich unter Ländlicher Raum sehr greifbar feststellen.

Dazu trianguliere ich verschiedene Bezugsquellen und Genres zu einem hybriden, essayistischen Stil, wodurch der Ansatz auch experimentell ist. Durch die Verbindung des traditionellen Formats des Buchdrucks mit der zeitgenössischen Möglichkeit eines Blogs hoffe ich außerdem, eine weitere Öffentlichkeit zu erreichen (mehr zum hybriden Ansatz unter Umsetzung).

Im Laufe des Schreibens hat sich eine zyklische Struktur der Essaysammlung herausgeschält. Der Zyklus passt einerseits zum persönlichen Thema des Fortgangs und der Rückkehr bzw. Rückreise. Aufgrund des Übergewichts der anhaltenden Meta-Katastrophe des Klimas bildet den eigentlichen Zyklus aber der Ablauf des Jahres und der Jahreszeiten — weshalb es ein Winter-, Frühlings-, Sommer- und Herbstkapitel gibt. Jede Saison beinhaltet drei Unterkapitel. In ihnen sind die einzelnen Stories angesiedelt. Ich skizziere die zwölf Unterkapitel genauer thematisch unter Aufbau.