Umsetzung

Doch wie genau sollen die Acta Francorum umgesetzt werden? Die Idee ist, sie sowohl als laufenden Blog, als auch als gedrucktes Buch herauszugeben — weshalb ich ihr Format als hybrid bezeichne. Im folgenden führe ich deshalb

1. Vorteile und Tücken eines hybriden Formats

Ein wichtiger Vorteil von Blogging und Science Blogging1Das bekannteste Format im deutschsprachigen Raum, zu dem ich keine abschließende Meinung habe, ist die Seite ScienceBlogs. ist, dass dadurch Projekte entstehen können, die sehr viel weitmaschiger, zugänglicher, horizontaler und gewinnbringender für eine größere Anzahl von Menschen sein können als das alleinige Format des Buchs. Die klassische Monographie hat ihre unbestrittenen Vorteile, und es ist zweifellos sehr schön und wichtig, ein gedrucktes Buch in die Hand nehmen zu können. Doch nicht immer sind alle in der Lage, sich ein bestimmtes Buch zu besorgen oder dieses zu transportieren, wie die Corona-Krise gezeigt hat oder auch Forscherinnen unterwegs wissen. Und: nicht jede Idee, nicht jeder Inhalt braucht (ausschließlich) eine komplette Monographie.

In diesem Sinn bin ich Befürworter von Open Access, Open Research / Open Data und Science Blogging:2Alle diese Begriffe verdienen eine gesonderte Betrachtung und Diskussion. Das Spannungsverhältnis zwischen Datensicherheit und Offene Daten (Open Data) birgt Probleme, die diskutiert werden müssen. Weiterhin ist Science Blogging meines Erachtens kein etablierter Begriff, unter dem eine klar eingegrenzte Definition der einzelnen Formate wie Podcasts, Wikis, Personal Blogs, Internetauftritte / Homepages einzelner Institute samt ihrer Publikationen, Think Tanks, etc. erzielt worden wäre (und es ist freilich insgesamt fragwürdig, ob es angesichts der ständigen technologischen Erneuerungen eine solche Definition überhaupt geben kann). einen Internetzugang haben heute fast alle, und über die sozialen Netzwerke können sich Inhalte leichter verbreiten. Das bedeutet auch, dass sich eine größere Anzahl von Personen an der Findung, Verbreitung und Verarbeitung bestimmter Ideen beteiligen können. Wenn nicht nur die fertigen Texte (wie das gedruckte Buch), sondern auch der Prozess der Texterzeugung attraktiv und zugänglich für möglichst viele Menschen ist, dann kann das viele Vorteile haben — und zwar sowohl seitens der Verbreitung eines wissenschaftlich fundierten Inhalts, als auch aus Sicht der Nutzung einer neuen Breite und Fülle des Quellen-Repertoires.

Wer einen kurzen Blogpost mit ein paar eindrücklichen, verifizierbaren Bildern eines an Dürre zugrundegangenen Waldstücks liest und sieht, muss sich nicht durch einen hochtrabenden, schwer zugänglichen, klassischen, wissenschaftlichen Text abschrecken lassen. Die Botschaft kann mittels kürzerer, niedrigschwelligerer Texte trotzdem ankommen und verstanden werden — und insofern ist es möglich, dass ein niedrigschwelliger Text im Kern denselben Zweck erfüllt wie die aufwendige Lektüre eines Fachtexts. Letzteren soll es trotzdem weiterhin geben: doch er ist gewissermaßen das Feld für die Leute, die im Backend arbeiten. Die Gesellschaft steht allerdings insgesamt vor einem riesigen Problem, wenn diese Botschaft nur auf einer wissenschaftlichen Ebene Verbreitung findet, obwohl sie von gesamtgesellschaftlicher Relevanz ist. Diese Problematik besteht nicht nur im hier beispielhaft genannten Themenfeld des Klimawandels: wie die Corona-Demonstrationen 2020 eindrücklich gezeigt haben, ist auch die öffentliche Gesundheitsversorgung betroffen, und im Prinzip gilt das für alle Themen.

Das Problem ist umso größer, als es durch Desinformationskampagnen mit niedrigschwelligen Texten in den kosmopolitisierten Medien eine ernstzunehmende Konkurrenz gibt. [Ausführen: Beispiele von Faktenbeugung in Trash-Medien wie Russia Today/Sputnik, TRT World, Fox TV, etc.]

Durch die Dringlichkeit vieler Fragen der Gegenwart — die eine katastrophische ist — muss uns unbedingt daran gelegen sein, möglichst viele Menschen zu erreichen und „mitzunehmen“. Da jedoch Bildungschancen und damit der Zugang zu Informationen, wie ich unter Autor ausgeführt habe, ungleich verteilt sind und somit einen ernsthaften Risikofaktor darstellen, muss diese unglückliche Entwicklung überwunden werden.3Mit Risikofaktor nehme ich Bezug auf Ulrich Becks Risikogesellschaft und ihren Folgen. Genauer dazu unter Ländlicher Raum. Hybride Formate, die nicht nur frei zugänglich sind, sondern auf eine lesbare und einladende Weise geschrieben und „geteilt“ werden, können mehr Menschen erreichen.4In diesem Sinn versuchen zum Beispiel Apps wie die Hamburger Initiative CHOIZ, an der ich als Texter mitgearbeitet habe, mit sogenannten niedrigschwelligen Texten Schülerinnen zu erreichen und ihnen die Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen (SDGs) zu vermitteln.

Was heißt ‚hybrid‘?

Doch was heißt hybrid denn nun konkret? Hybridität ist ein Begriff, der laut Wikipedia ursprünglich in der Landwirtschaft verwendet wurde und „Mischform von zwei vorher getrennten Systemen“ bezeichnet. Er existiert aber auch in der Sprachwissenschaft, wo zum Beispiel Mischsprachen wie Kreolsprachen oder Pidgin damit gemeint sind.5Der Grad der Differenz von einer oder mehreren Stammsprachen kann ganz unterschiedlich sein. Im deutschen Sprachraum im weitesten Sinn tragen z.B. Rotwelsch, Jenisch, Jiddisch oder Kiezdeutsch Kennzeichen von Hybridisierung. Schwyzerdütsch weißt ebenfalls viele Hybridisierungen auf, wenn zum Beispiel gesagt wird, „Ich habe kalt“ anstatt „Mir ist kalt„, was auf den Einfluss des Französischen hindeutet (J’ai froid). In der Pflanzenphysionomie und in der weiteren Biologie werden auch sogenannte Veredelungen oder Kreuzungen unterschiedlicher Tierarten, zum Beispiel Liger und Töwen, die aus der Paarung von Tigern und Löwen hervorgegangen sind, als Hybriden bezeichnet. Und natürlich ist von hybriden Autos die Rede, wenn sie die genutzte Energieform umstellen können.

Hier verstehe ich unter Hybridität jedoch noch etwas anderes: damit knüpfe ich [1.1] zum einen an den sprachwissenschaftlichen Begriff an, der auch in Kulturtheorien verwendet wird, aber auch [1.2] die technologische Hybridität unterschiedlicher Textgattungen und Texterzeugungsformen. Drittens und damit zusammenhängend ist damit [1.3] die Mobilität von Ideen über die Grenzen „von zwei vorher getrennten Systemen“ hinweg, um noch einmal aus der Definition von Hybridität in der Landwirtschaft zu entlehnen. Alle drei Aspekte von Hybridität können enormen Nutzen mit sich bringen, stecken aber gerade in medialer und technologischer Hinsicht voller Tücken. Dies werde ich im folgenden darstellen, um am Ende genauer anvisieren zu können, welche Art von Geschichten wir uns als Gesellschaft in Zukunft erzählen können, um möglichst viele, unterschiedliche Menschen „mitzunehmen“ und dabei das Verhältnis von Mensch und nicht-menschlicher, belebter Umwelt im Auge zu behalten — was im ländlichen Raum besser möglich ist als im urbanen Raum.

1.1 Hybridität als sozial- und geisteswissenschaftlicher Begriff

In den Sozial- und Kulturwissenschaften wird der Begriff Hybridität unterschiedlich verwendet: ich habe damit in Anlehnung an Homi K. Bhabhas Kulturtheorie zu Hybridität und Drittheit gearbeitet, als ich die Übertragungs- und Übersetzungsformen kultureller Praktiken und Codes bosniakischer Einwanderer in der Türkei in einem Working Paper sowie in meiner Dissertation beschrieben habe: es kommt häufig vor, dass bosniakische Türkinnen Symbole verwenden, die rein äußerlich gesehen — auf der sogenannten semiotischen Ebene des Zeichens — dieselben zu sein scheinen wie jene, die bosnische, montenegrinische oder serbische Bosniakinnen verwenden.6Vgl. Schad, T. (2015). The Rediscovery of the Balkans? A Bosniak-Turkish Figuration in the Third Space Between Istanbul and Sarajevo. Working Paper No: 8 (2015), Istanbul Bilgi University, European Insitute Jean Monnet Centre of Excellence. URL: https://eu.bilgi.edu.tr/media/files/WORKING_PAPER_8-041215.pdf (last retrieved 12.10.2020). Ein bekanntes Beispiel sind Pita und Burek, beides die wohl emblematischste (Teig-)Speise aus Bosnien und den angrenzenden Ländern der Jugosphäre.7Es darf freilich darüber gestritten werden, ob die Kebapröllchen Ćevapi oder Ćevapčići nicht noch emblematischer sind, besonders im Ausland.

Doch verlässt man die Ebene des äußeren Zeichens und betrachtet das eine Ebene höher gelegene Zeichen der Be-Zeichnung, dann fällt auf, dass viele türkische Bosniakinnen unterschiedslos alle dieser Teiggerichte als Börek bzw. als Boşnak Böreği bezeichnen. Wer auch immer in Bosnien schon einmal eine immer fleischlose Pita als Burek bezeichnet hat — letzterer ist immer mit Fleisch gefüllt — wird mit allergrößter Sicherheit eine sofortige Belehrung auf sich gezogen und sein Gegenüber womöglich auch noch empfindlich getroffen haben.8Wer auch immer eine Bosnierin provozieren will, muss bloß einmal „Burek sa sirom, bez mesa“ (Burek mit Käse, ohne Fleisch) bestellen. In der Türkei dagegen heißen alle diese Gerichte Börek, was dem Jezik*-Begriff Burek entspricht.9Es gibt in Istanbul-Bayrampaşa, Pendik, İzmir und anderen Orten zwar sehr wohl Lokale, die mit Pita werben, und in einigen Ortschaften veranstalten türkische Bosniakinnen sogar Veranstaltungen, die sie mit Pita Şenliği (Pita-Festival) bezeichnen; sie verwenden jedoch hauptsächlich den Begriff Boşnak Böreği, weil das Wort Pita in der türkischsprachigen Umgebung völlig ungebräuchlich ist. Deshalb haben sie darauf verzichtet, eine so scharfe Unterscheidung zu treffen, auf die in Bosnien penibel geachtet wird. Das Wort Pide, das etymologisch mit der Pita zwar verwandt ist, bezeichnet ein völlig anderes Gericht. Weil die türkischen Bosniakinnen aber in einer türkischsprachigen Umgebung aufwachsen und leben, die außerdem strukturell intolerant gegenüber nicht-türkischen Sprachen ist, ist die Kulturpraxis des Börek (Burek/Pita) in der Türkei teilweise hybridisiert; es kann einer bosniakischen Türkin, die vorher noch nie in Bosnien war, auf einer Reise dorthin durchaus passieren, dass sie dort einen Börek/Burek bestellt, obwohl sie eine fleischlose Pita möchte.

Diese Ausführungen mögen auf den ersten Blick weit hergeholt erscheinen. Wie im Sommerkapitel der Acta Francorum jedoch zu sehen sein wird, tauchen Pita und Burek auch im Francorum auf, wo sie durch Einwanderung hingekommen und nun gewissermaßen auch zu einem fränkischen Gericht geworden ist — auch wenn hier von einer hybriden, nicht-traditionellen fränkischen Küche gesprochen werden muss. Worauf ich mit diesen Ausführungen eigentlich hinaus will: Kultur und kulturelle Praxis ist immer ein Prozess und damit veränderbar und nicht starr: auch der fränkische Sauerbraten und die Kartoffelklöße sind nur so lange Teil der fränkischen Küche, wie sie immer wieder zubereitet und verspeist werden, und auch die Kartoffelklöße gab es nicht schon immer, da zuvor erst einmal die Kartoffelpflanze aus Amerika einwandern musste. Der Prozess der kulturellen Praxis ist wie der Prozess der Sprache immer ein Vorgang des Über-Tragens oder Übersetzens, wobei Effekte der Hybridität entstehen können. Der Blick auf die Alltagskultur als prozessuale Praxis ermöglicht es, zu zeigen, dass dies auch den ländlichen Raum betrifft, von dem gemeinhin angenommen wird, er sei konservativer und „authentischer“ im Vergleich zu superdiversen, urbanen Räumen.10Der Begriff Superdiversität wird zum Beispiel für Städte wie Berlin verwendet, die stark von Migrationen geprägt sind, und wurde besonders durch Steven Vertovec geprägt.

1.2 Hybride Texterzeugung

Hybride Texterzeugung kann sich dadurch differenzieren, dass Texte zunächst als unterschiedliche Gattungen existieren, zum Beispiel als digitale Blogposts und analog gedruckte Buchkapitel. Natürlich können sich diese Textformen vermischen und ineinander übergehen: ein Blogpost kann ganz oder teilweise zu einem Buchkapitel werden — vielleicht (oder wahrscheinlich) auch erst, nachdem er über sich hinausgewachsen und überarbeitet worden ist. Andererseits kann ein Buchkapitel als Blogpost veröffentlicht werden — möglicherweise, um Rückmeldung einzuholen. Es ist darüber hinaus außerdem denkbar und es wird mittlerweile längst praktiziert, diese Form der Hybridität — nennen wir sie textuelle Hybridität — auf andere Plattformen auszuweiten: denken wir zum Beispiel an die sogenannten Online Social Networks (OSN) wie Facebook, Twitter, Instagram und andere.

Ich bin allerdings wirklich nicht davon begeistert, dass zum Beispiel einige Geistes- und Sozialwissenschaftlerinnen dazu übergegangen sind, Buchseiten oder einzelne Textabschnitte abzufotografieren und zu tweeten, um der Welt klar zu machen, wie schlecht sie über eine bestimmte Autorin und ihren Text denken: dies ist leider gängige Praxis. Der Effekt kann nämlich sein, dass Inhalte aus ihrem Kontext gerissen und unangemessen dargestellt werden — ohne, dass sich die Twitter-Aktivistinnen für ihre wohlfeilen Entstellungen rechtfertigen müssten, denn dafür sind solche Plattformen nicht vorgesehen. Die so getweetete und womöglich zigtausendfach retweetete Person steht schnell in einem sehr schlechten Licht da. Neben dem angerichteten Schaden ist dabei niemandem geholfen, und die Idee ist entstellt und missbraucht.

Dies ist darauf zurückzuführen, dass die Praxis des Likens, Dislikens, Teilens und Kommentierens, auf der alle sogenannten „Sozialen Medien“ wie Facebook und Twitter basieren, einer extrem binären Marktlogik entspricht: wie Constanze Kurz vom Chaos Computer Club (CCC) es in einem im Februar 2019 auf DLF Nova erschienenen Beitrag der (Podcast-)Sendung Hörsaal 11Ich bin ein großer Fan dieses Podcasts und kann es nur wärmstens weiterempfehlen: eine Vorlesung eignet sich zum Beispiel perfekt für lange, winterliche Spaziergänge durch Berlin, aber auch für Wanderungen mit dem Mini-Hund durch die Rhön. so trefflich formuliert hat, handelt es sich bei den „sozialen Medien“ eigentlich um „Werbeplattformen“. In dieser Praxis geht es nicht um Wahrheitsfindung oder die Echtheit einer Idee: hier geht es um die Produktion, Vervielfältigung und Vermarktung öffentlicher Meinungen.

Mit diesen wird ein bestimmtes Ziel verfolgt: die Verbreitung von Desinformation, das Gewinnen eines Wahlkampfs (Kurz spricht hier das Thema der höchstwahrscheinlich manipulierten Trump-Wahl an) oder die Diskreditierung einer gegnerischen Idee über nicht-argumentative Strategien. Meistens kommen dabei massiv Emotionen und Affekte wie Angst, Zorn, Wut, Trauer, Liebe, Verzückung usw. zum Einsatz. Der Sozialwissenschaftler Zafer Yilmaz spricht im Fall der Emotionen basierten Desinformations- und Hetzkampagnen des herrschenden Regimes in der Türkei, das hauptsächlich mit dem Opferdiskurs hantiert, auch von „Meinungstechnikern“ (opinion technicians), was als passender Begriff erscheint: die entsprechenden Emotionen können ganz technisch über die Streuung von Bildern, Hashtags (Schlagworten) und ausgewählten Textinformationen erzeugt werden.12Yilmaz, Zafer (2017): The AKP and the spirit of the ‘new’ Turkey: imagined victim, reactionary mood, and resentful sovereign, Turkish Studies, 18:3, 482-513.

1.3 Mobilität von Ideen über hybride Grenzen hinweg

Ich bin mir nicht sicher, wie mit diesem Problem im großen Stil defensiv umgegangen werden kann, ohne dabei zu Mitteln der Zensur zu greifen. Doch bevor ich begründe, warum ich trotzdem für die Nutzung hybrider Strukturen in einem sowohl technisch eingegrenzten, als auch naturräumlich (in diesem Fall: ländlich) überschaubaren Kontext bin, wo die Gefahren der großangelegten Desinformations- und Propagandakampagnen reduziert ist, muss ich noch auf den bereits angesprochenen Aspekt der Mobilität von Ideen über hybride Grenzen hinweg zurückkommen. Das Problem, das Ideen und wissenschaftliche Erkenntnis daran hindert, sich zu verbreiten heißt — wie so oft — Bildungsungerechtigkeit.

Mein Vater war Arbeiter und ist früh verstorben (1995). Als Kind einer alleinerziehenden, aus der Sowjetunion geflohenen Mutter hatte er eine Volksschulbildung und arbeitete als Schweißer in einer Schweinfurter Fabrik. Nebenher war er Landwirt, was damals auf den Dörfern des Francorum nicht selten war. Meine Mutter ist Einwanderin aus Jugoslawien, der als Mädchen der grundlegende Bildungszugang verwehrt wurde: sie wurde von ihren Eltern nach der vierten Klasse aus der Schule genommen. In vielen ländlichen Gebieten Jugoslawiens war das damals keine Seltenheit; in ihrem Dorf betraf es eigentlich jedes Mädchen. Sie war zuerst Hausfrau und Landwirtin und hat später als ungelernte Arbeiterin in einer Fabrik Leuchten montiert. Aufgrund dieser sozialen Herkunft und Erfahrungen weiß ich ganz genau, wie schwierig es ist, sich seine Bildungsrechte trotzdem zu nehmen: es wird einem nicht leicht gemacht.

Auch heute noch treffe ich Menschen, darunter Hochgebildete ebenso wie weniger „hoch Gebildete“, die allen Ernstes glauben, die Verteilung von Bildungsrechten habe primär etwas mit Intelligenz oder Leistungsfähigkeit zu tun. Das ist aber eine ziemlich falsche Vorstellung. Wie der französische Soziologe Pierre Bourdieu es ausführlich und empirisch dargelegt hat, haben die feinen Unterschiede zwischen herrschenden und beherrschten Klassen viel mehr mit kulturellem und symbolischem Kapital der Eltern und Familie, mit übernommenem Geschmack und kultureller Praxis (z.B. mit der Art zu sprechen) zu tun, als mit dem Mythos von Talent, Begabung und reiner Leistung, mit der sich ein Mensch verdient oder nicht verdient, eine bestimmte Laufbahn einzuschlagen. So weit, so bekannt.

Es geht mir nicht darum, ein soziales Ressentiment zu pflegen oder einfach etwas besonders schön und gerecht zu formulieren: ich bin aus praktischer Notwendigkeit davon überzeugt, dass möglichst viele Menschen tatsächlich erreicht werden müssen, wenn es darum gehen soll, die gerade permanent stattfindende Meta-Katastrophe des Klimawandels aufzuhalten oder mit ihr umzugehen. Deswegen finde ich es wichtig, Menschen aus nichtakademischen, ob eingewanderten oder nicht-eingewanderten Familien, zur Wahrnehmung ihrer Bildungsrechte zu ermutigen. Dazu müssen aufgebaute Hürden überwunden werden — doch dies wird in den meisten Fällen nicht heißen können, dass alle noch einmal zur Schule gehen können. Bildungsrechte bedeuten nicht einfach das Recht, einen dekorierten Lebenslauf zu führen oder ein höheres Gehalt zu bekommen: sie bedeuten, (keinen) Zugang zu Informationen zu haben, und Informationen können überlebenswichtig sein.

2. Theoretische Bezüge

[In Bearbeitung]

[Erklärung des Figurationsmodells]

3. Methoden und Quellen

[Prozessuale und kumulative Verdichtung des Materials]

[Ethnographische und anthropologische Methoden]

Wie in den Beiträgen Die Fahrenden Gaukler, Radtour nach Schweinfurt oder über das Landjudentum deutlich wird, macht sich hier die dichte Beschreibung bemerkbar. Ich habe außerdem inzwischen einige Interviews geführt, Menschen porträtiert und natürlich viel gelesen und recherchiert. Leider lassen die Beiträge bisher etwas auf sich warten, weil ich erst so spät diesen Blog einrichten konnte und noch keine Finanzierungsmöglichkeit gefunden habe. Außerdem war es letztes Jahr durch die Pandemie sowie aus weiteren Gründen schwierig, so zügig voranzukommen wie ursprünglich geplant: wir alle erinnern uns bestimmt noch lebhaft an die Kontaktbeschränkungen und Schließungen, die oft hinderlich waren.

4. Sekundärliteratur